Dinner for One auf Goth’sch – das Original!

Anja Gottschall als Herzogin Sophie von Sachsen-Gotha-Altenburg und Ralph-Uwe Heinz als ihr Diener Schluder beim „Dinner for One auf Goth'sch“ im Gothaer Kulturhaus. Seit 2009 wird das Stück alljährlich am Silvester-Vorabend aufgeführt. (Foto: Anton Lysakowski)
Dinner for One“ ist Kult. Seit fast 40 Jahren begeistert der Silvesterklassiker um Miss Sophie und ihren Butler James alljährlich ein Millionenpublikum. Umso erstaunlicher ist, dass die Entstehungsgeschichte des berühmtesten und meistgespielten Silvestersketches bislang noch nie erzählt wurde.
Dank eines Zufallsfundes beim Abriss des Gothaer Winterpalais konnte der bekannte Autor Andreas M. Cramer die Geschichte des „Dinner for One“ recherchieren. Und das Ergebnis seiner Forschungen wird selbst eingefleischte „Dinner“-Fans überraschen: Die Vorlage für den vermeintlich typisch englischen Sketch lieferte vor rund 170 Jahren eine Gothaer Herzogin!

Sie dienten dem britischen Theaterautor Wylie als Vorlagen für Miss Sophie und ihre vier imaginären Gäste (von links): Herzogin Sophie Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg und ihre Freunde Verleger Johann Georg Justus Perthes, Maximilian Franz Karl Ritter von Gadolla, Kommerzienrat Ernst Wilhelm Arnoldi und Professor Johann Georg August Galletti.
Wie die Aufzeichnungen eines Dieners belegen, pflegte die Herzoginwitwe Sophie Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg über viele Jahre ihre Geburtstage im Kreis ihrer vier engsten Freunde (allesamt prominente Gothaer) zu feiern. Auch nach deren Tod hielt sie an dieser Tradition fest, wobei ihr Diener den Part der verstorbenen Gäste übernehmen musste. Über Queen Victorias deutschen Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (den Lieblingsenkel der Herzogin) kam die amüsante Anekdote in den 1840er-Jahren nach England, wo der Gothaer Ursprung in Vergessenheit geriet.

Am 30. August 1845 besuchten die britische Königin Victoria und ihr Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha für einige Tage die Residenzstadt. Hier die Begrüßung durch den Magistrat und die Gothaer an der Ehrenpforte nahe dem Herzoglichen Palais. Das Paar besuchte auch Alberts Großmutter Herzogin Sophie Karoline Amalie im Winterpalais, wo sie vom Diener Schluder die Geschichte des seltsamen Geburtstagsrituals erzählt bekamen. (Repro: Matthias Wenzel)
Erst in den 1930er-Jahren entdeckte der britische Theaterautor Morris Laurence Samuelson (besser bekannt unter seinem Künstlernamen Lauri Wylie) in den Erinnerungen des Privatsekretärs von Prinz Albert die unterhaltsame Anekdote vom seltsamen Geburtstagsritual Herzogin Sophie Karoline Amalies, wie sie Albert bei seinem Gotha-Besuch im Jahre 1845 von ihrem Diener erfahren und weitererzählt hatte.
Wylie arbeitete die Grundidee eines Geburtstagsessens mit vier längst Verstorbenen zu einem Sketch um, den er mit Rücksicht auf das britische Königshaus (das infolge des Ersten Weltkriegs 1917 seinen Namen von Sachsen-Coburg und Gotha in Windsor geändert hatte und mit der deutschen Verwandschaft nichts mehr zu tun haben wollte) auf einem englischen Landsitz ansiedelte. Der Rest ist Geschichte ...

Sensationeller Zufallsfund beim Abriss des Dienerflügels vom Winterpalais: links das bislang unbekannte Manuskript eines Dieners von Herzogin Sophie, das u.a. die komplette Geschichte des seltsamen Geburtstagsrituals enthält. Rechts ein Originalblatt aus Ernst Wilhelm Arnoldis „Selbstbiographie“, das eine amüsante Anekdote mit dem noch jungen Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha im Winterpalais beschreibt.
Seither wird „Dar neunzschsde Gebordsdaach oder Dinner for One auf Goth’sch“ alljährlich am Silvestervorabend im Gothaer Kulturhaus aufgeführt. Im ersten Teil des Theaterabends erzählt Autor Andreas M. Cramer in einer abwechslungsreichen szenischen Lesung die beinahe wahre Entstehungsgeschichte des wohl berühmtesten Geburtstagsessens der Welt, im zweiten Teil gibt es schließlich das Theaterstück mit einer überaus würdevollen Herzogin Sophie (Anja Gottschall) und einem mitreißenden Diener Schluder (Ralph-Uwe Heinz).
Die komplette und (beinahe) wahre Geschichte des „Dinners“können Sie übrigens in dem amüsanten Roman „Dinner for One auf Goth’sch“ nachlesen.
