Goth’sch schimpfen - aber richtig!

Eine kurze Einführung


1. Was ist Schimpfen?

 

1.1 Definition

Schimpfen ist eine grundlegende menschliche Erlebnis- und Verhaltensweise. Es ist eine Art der verbalen Aggression, die durch das Gefühl der Frustration und / oder des Ärgers ausgelöst wird und meist im Erregungszustand geschieht. Die dabei verwendeten Schimpfwörter – in verschiedenen Abstufungen von harmlos-scherzhaft bis zu derb-beleidigend – können sowohl gegen Personen und Gegenstände als auch (was seltener geschieht) gegen den Schimpfenden selbst gerichtet sein. Schimpfen ist darüber hinaus eine Form des Handelns, da der Schimpfende stets einen bestimmten Zweck verfolgt (siehe dazu auch 2.).

 

1.2 Etymologie

Das Verb „schimpfen“ beruht auf dem ahd. „skimpfen“ und bedeutete ursprünglich „Scherz treiben, spielen, verspotten“. Im Laufe der Jahrhunderte bekam es jedoch eine negativere Bedeutung im Sinne von „beleidigen, verunglimpfen, schelten“ (17. Jahrhundert) bis zum heutigen Sinn „jmd. verletzend mit einem Schimpfwort belegen“. Andere Ausdrücke für „schimpfen“, die zum Teil als Synonyme verwendet werden können, sind beispielsweise: beleidigen, schelten, schmähen, lästern, verunglimpfen, herabwürdigen, kränken. Dem Schimpfen eng verwandte sprachliche Erscheinungen sind das Spotten und das Fluchen. Die Wissenschaft, die sich speziell mit dem Phänomen des Schimpfens befasst, heißt Malediktologie (von lat. „maledictum“ – Schmähung, Schimpfwort, üble Nachrede).

 


 

2. Funktion des Schimpfens

 

2.1 Abbau von Spannungen

Der Schimpfende will mit der Verwendung von Schimpfwörtern in erster Linie seinen negativen Gefühlen Luft machen (er lässt sozusagen „Dampf ab“), um die durch den vorausgegangenen Ärger entstandenen psychischen Spannungen verbal abzubauen. Neben der Absicht, sich selbst wieder besser und entspannter zu fühlen, verfolgt der Schimpfende zumeist noch weitere Ziele. Im einzelnen können dies u.a. sein:

 

a) er hat die Absicht, die Person, welche er beschimpft, zu beleidigen (z.B. „Du fuules schwien!“) oder gar zu provozieren (z.B. „Los komm her, du bleeder amdiller!“), d.h. bei seinem Gegenüber ebenfalls negative Gefühle hervorzurufen
b) er fordert den Beschimpften auf, etwas zu tun (z.B. „Drief dech endlech ema uss, du elender mährsagg!“) oder zu unterlassen (z.B. „Daddsch das ja nech mid dinn‘ dreggschdn fohdn an, du aales schwien!“)
c) er will sein Gegenüber warnen (z.B. „Bassd bloß off wenn ech kreblech weer, ihr frechn rotzwänsd!“) oder ihm sogar drohen (z.B. „Ech boch dech glei e baar offs muul, wennde nech endlech dinne dumme schnuutzn hälsd, du aaler kneddscher!“)
d) er will über eine andere Person – oft während diese abwesend ist – urteilen und sie bei anderen schlechtmachen (z.B. „De müllern is dech awer e biäses fressn!“)

 

2.2 „Positives Schimpfen“

Darüber hinaus hat das Schimpfen noch eine weitere, oft übersehene, aber dennoch sehr wichtige Funktion: die Pflege zwischenmenschlicher Kontakte durch sogenanntes „positives Schimpfen“. Unter Freunden und Verwandten werden oftmals Schimpfwörter als scherzhafte oder sogar liebevolle Anreden und Bezeichnungen verwendet (z.B. „Na du alde raude! Wiän?“ oder „Ihr elendn qualsder!“). Hierbei werden die z.T. auch recht derben Ausdrücke jedoch nicht als Beleidigung aufgefasst, sondern deuten hingegen auf eine besondere Vertrautheit hin. Ihren Ursprung hat diese humorvolle, positive Verwendung von Schimpfwörtern möglicherweise in dem alten Aberglauben, dass schöne und gute Namen Unglück bringen und die Verwendung schlechter und hässlicher Bezeichnungen den auf diese Art Angesprochenen vor Verhexung schützt.

 

Allgemein lässt sich feststellen, dass Schimpfen (solange es sich in bestimmten Grenzen hält und nicht zu einer dauernden, alltags- und lebensbestimmenden Handlung ausartet) menschlich und gesund ist, da es uns vor allem hilft, in Stresssituationen unser seelisches Gleichgewicht zu bewahren bzw. wiederzuerlangen.

 


 

3. Ursprung der Schimpfwörter

 

Die in der Gothaer Mundart gebräuchlichen Schimpfwörter sind aus den unterschiedlichsten Bereichen des alltäglichen Lebens entlehnt. Oft hat dabei das komplette Wort oder zumindest einer seiner Bestandteile noch eine völlig andere, harmlose Bedeutung – ist also nicht von vornherein ein Schimpfwort, sondern wird oft metaphorisch, d.h. im übertragenen, bildlichen Sinne gebraucht. Nachfolgend seien für einige Bereiche des Alltags ausgewählte Schimpfwortbeispiele aufgeführt (der maßgebliche Wortbestandteil – siehe dazu auch 4.2. – ist jeweils unterstrichen).

 

3.1 Gebrauchsgegenstände

fiefchn, fiefndeggl, flederwisch, gizzbiddl, mährsagg, reff, schaffn, schlumbersagg, stöbfl, strigg

 

3.2 Kleidung und Stoffe

mährsogge, schlumbersogge, schmießchn, zwiggl

 

3.3 Ausscheidungsprodukte

misdkrebl, misdwansd, rotzkrebl, rotzwansd, qualsder

 

3.4 Nahrungsmittel / Essen

fressn, sießchn, orz, rübmsießchn

 

3.5 Tiere

a) ~schwein: bleegschwien, demmlschwien, fitzschwien, gimmlschwien, gohglschwien, rungsschwien, schwinnskrebl, schwinnsjung
b) ~matz: bleegmatz, dreggmatz, fressmatz, gagglmatz, geichlmatz, grölmatz, schwinnsmatz
c) ~sau: mährsau, sauwansd
d) andere: arschgibbchn, glotzbock, hibbl

 

3.6 Berufsbezeichnungen

klabbskander, kommödjandnwansd

 

3.7 Herkunft, Stamm, Nation

assiwansd, kanagger, livlänger, schlawaage

 

3.8 Vornamen

dodderhenner, fleddschkaschber, gehrmichl, gehrsuse, gohglheini, schlumberjan, schussbardl, zeggliese

 

3.9 Körperteile

a) ~wansd: bleegwansd, blärrwansd, habwansd, misdwansd, rotz-wansd, schwinnswansd
b) ~arsch: arschgibbchn, bleegarsch, dodderarsch, kneddscharsch, mährarsch
c) sonstige: dregggusche, driefschädl, dummditz, knatzschädl, kneddschbaggn, kneddschkobf

 

3.10 Körperliche und geistige Gebrechen

amdiller, dodderarsch, dodderhenner, dürrlender, klabbskander, link(s)daddsch

 

3.11 Aus Fremdsprachen entlehnte Schimpfwörter

kruudscher, orzer, scheegs, schledde, sießchn

 

Bei aller Verschiedenheit des Ursprungs der Schimpfwörter fallen dennoch drei Wörter sofort ins Auge, die auffallend häufig zur Bildung verwendet werden: So scheinen die Goth’schen vor allem eine Vorliebe für Kombinationen mit „~schwien“ und „schwinns~“ zu haben: Nicht weniger als zweiundzwanzig entsprechende Bildungen – von „bleegschwien“ bis „schwinnswansd“ – finden sich in der Mundart. Mit etwas Abstand in der Anzahl von Wortkombinationen folgt das von der Bedeutung her eng verwandte „~matz“ mit insgesamt vierzehn Schimpfwörtern wie z.B. „dreggmatz“ oder „kröhlmatz“. Mit elf verzeichneten Bildungen – darunter solch derben wie „assiwansd“ und „rotzwansd“ – steht schließlich „~wansd“ an dritter Stelle der „Beliebtheitsskala“ der goth’schen Schimpfwortschöpfungen.

 


 

4. Aufbau der Schimpfwörter

 

Von ihrem Aufbau her kann man die Schimpfwörter in vier Kategorien einteilen: einerseits in einfache und zusammengesetzte, sowie andererseits in abgeleitete und die durch Vor- und Nachsilben gebildeten Worte.

 

4.1 Einfache Schimpfwörter

Nur aus einem einfachen Wort bestehend, macht diese Gruppe etwa ein Drittel der im goth’schen Sprachschatz vorhanden Schimpfwörter aus. Zu ihr zählen beispielsweise: fressn, garschd, hibbl, huddich, kanagger, kniesd, krebl, ortz, raude, reff, schaffn, scheegs, schnumbl, wansd, würchel, zegger, zwuller.

 

4.2 Zusammengesetzte Schimpfwörter (Komposita)

Etwa zwei Drittel der goth‘schen Schimpfwörter sind zusammengesetzte Wörter, die man aufgrund ihrer Einzelbestandteile nochmals wie folgt unterscheiden kann:

 

4.2.1 Substantiv + Substantiv

a) beide Wortteile sind selbständige Schimpfwörter, die auch für sich allein stehen können, wie z.B. assiwansd, rotzkrebl, sauwansd, schwinnskrebl.
b) nur einer der beiden Wortteile schafft die negative Bedeutung, wie z.B. arschgibbchn, gizzbiddl, dregggusche, klabbskander.
c) beide Wortteile stellen für sich allein kein Schimpfwort dar, sondern erhalten erst in ihrer Kombination eine negative Bedeutung, wie z.B. rübmsießchn, knatzschädl, fiefndeggl.

 

4.2.2 Verb + Substantiv

Beinahe die Hälfte aller goth’schen Schimpfwörter wird aus einem Verb und einem nachfolgenden Substantiv gebildet. Die abwertende Bedeutung ist fast immer in beiden Wortbestandteilen zu finden, wie z.B. in bleegarsch, gagglmatz, geichlschwien, kneddscharsch, mährluder.

 

4.2.3 Adjektiv + Substantiv

Die abwertende Bedeutung ist hierbei im Adjektiv verankert, bespielsweise in dummbiddl, dummditz, dürrlender.

 

4.2.4 Adverb + Substantiv

Sehr selten kommt diese Kombination vor, wie z.B. in link(s)daddsch.

 

4.3 Abgeleitete Schimpfwörter (Derivativa)

Ein kleiner Teil der goth’schen Schimpfwörter wurde aus Verben oder Adjektiven abgeleitet und zu Substantiven umgebildet.

 

4.3.1 aus Verben

Zu dieser Gruppe zählen unter anderem bambl (von bambeln), beschmuer (von beschmuen), moodscherer (von moodschern), kneddscher (von kneddschn), orzer (von orzn), quaggerer (von quaggern), queegser (von queegsn), rungser (von rungsn).

 

4.3.2 aus Adjektiven

Hierzu gehört beispielsweise garschd (von garstig).

 

4.4 Durch Vor- und Nachsilben gebildete Wörter (Affigierungen)

Im Goth’schen ist bislang lediglich die Bildung von Schimpfworten mit der Nachsilbe (Suffix) „-chen“ bekannt – Bildungen mit Vorsilben (Präfixen) sind nicht nachweisbar. Die mit „-chen“ gewonnenen Verkleinerungsformen (Diminutiva) sind jedoch zumeist eher scherzhaft gemeint. Hierzu zählen z.B. sießchn, rübmsießchn, fiefchn, schmießchn.

 


 

5. Veränderung der Aussagekraft

 

Je nach Absicht des Schimpfenden (siehe dazu auch 2.) werden die verwendeten Wörter in ihrer Aussagekraft oftmals noch zusätzlich verstärkt oder (was seltener vorkommt) auch abgeschwächt. Zu diesem Zweck werden die unterschiedlichsten Adjektive vor das betreffende Schimpfwort gesetzt. Dem Einfallsreichtum und der Kreativität des Schimpfenden sind hierbei (fast) keine Grenzen gesetzt. Auf die am häufigsten gebrauchten Adjektive wird nachfolgend näher eingegangen.

 

5.1 Verstärkung

 

5.1.1 „richtig“

Das Adjektiv „richtig“ wird für eine Verstärkung der Aussage eines Schimpfwortes mit Abstand am häufigsten verwendet. Im Sinne von „wahr / echt“ kann es vor fast jedes beliebige Schimpfwort gesetzt werden. Beispiele für seine Verwendung sind unter anderem: „Das is doch e rechdcher amdiller, ge?!“, „Die is dech sue rechdch biäses fressn!“, „Du bisd au e rechdches gohglschwien!“

 

5.1.2 „alt“ und „elend“

Eine Vorliebe haben die Goth’schen auch für die Adjektive „alt“ (welches hier jedoch nicht im zeitlichen Sinne verwendet wird) und „elend“. Nach „richtig“ werden sie am häufigsten gebraucht, um dem darauffolgenden Schimpfwort größeren Nachdruck zu verleihen. Beispiele finden sich unter anderem in: „Du elender misdkrebl!“, „Die elendn dreggmatzn die!“, „Das aale geichlschwien!“, „Der aale kneddscharsch!“.

 

5.1.3 „verflucht“ und „böse“

Nicht ganz so häufig werden die Worte „verflucht“ und „böse“ mit einem Schimpfwort kombiniert. Man findet sie dennoch in einer ganzen Reihe von Ausrufen wie z.B. „biäser garschd“, „biäse wänsder“, „varfluchder dreggskrebl“, „varfluchde schwinnsmatzn“.

 

5.1.4 andere

Sind die oben angeführten, oft gebrauchten Adjektive in ihrer Bedeutung noch vergleichsweise harmlos, so steht dem Schimpfenden darüber hinaus eine breite Palette wesentlich derberer und z.T. sehr negativ besetzter Adjektive zur Verfügung, um seine Rede in verschiedenen Abstufungen zu „verschärfen“. Dazu zählen beispielsweise: alwern, bleed, bescheuerd, dreggschd, dumm, misdich, närrsch – um nur einige zu nennen. Diese werden vor allem dann dem Schimpfwort vorangestellt, wenn der Schimpfende den Ernst der Situation verdeutlichen will (siehe dazu auch 6.).

 

5.2 Abschwächung

 

5.2.1 „klein“

Um die Aussage eines Schimpfwortes abzuschwächen bzw. zu verniedlichen, wird vorrangig das Adjektiv „klein“ benutzt. Es deutet an, dass das nachfolgende Schimpfwort einerseits nicht so ernst gemeint ist und andererseits auch nicht so ernst aufgefasst werden sollte. Beispiele für seine Verwendung finden sich in: „klinner dreggmatz“, „klinnes knerblschwien“, „klinne schlumberliese“.

 

5.3 Kombinationen

Gelegentlich trifft man im Goth’schen auch auf Kombinationen zweier verschiedener Adjektive vor einem Schimpfwort. Zumeist wird dabei ein eigentlich verstärkendes Adjektiv wie „richtig“ „böse“, „alt“ oder „elend“ mit dem abschwächenden „klein“ zusammengestellt, wie z.B. in: elendes klinnes ninglschwien, rechdcher klinner habwansd, klinnes biäses knerblschwien, elender klinner miskrebl.

 


 

6. Bedeutung: Scherz oder Ernst?

 

Ein Schimpfwort ist nicht gleich ein Schimpfwort. Es kann sowohl sehr derb und abwertend, als auch scherzhaft und harmlos gemeint sein. Es kommt stets auf die jeweilige Situation an, in der es gebraucht wird. Mimik und Gestik verraten sehr viel von den Gefühlen und der Einstellung des Schimpfenden – an ihnen kann der Beschimpfte den Ernst der Situation erkennen.

 

Richtig goth’sch zu schimpfen will daher gelernt sein. Man muss dabei stets auf das eigene Urteilsvermögen und Feingefühl vertrauen, wenn man Schimpfwörter gebraucht. Echte „goodsche labbmhööcher“ (gebürtige, alteingesessene Gothaer) können zumeist sehr gut einschätzen, wie ernst ein Schimpfender es gerade meint, in welcher Form man zurückschimpfen kann und welche Wirkung bestimmte Wörter und Wendungen haben. Nicht-Goth’schen dürfte es hingegen wesentlich schwerer fallen, zu erkennen, wann eine Anrede scherzhaft oder eher bösartig gemeint ist. Um eine entsprechende Situation einigermaßen richtig einschätzen zu können, sollte man stets auf den Kontext und die Betonung des Schimpfwortes achten. Dem Wort vorangestellte Adjektive (siehe dazu auch 5.) können seine Wirkung ebenso abschwächen oder verstärken wie begleitende Gesten und die Mimik des Schimpfenden.

 

In aller Regel aber meint der Goth’sche das Gesagte lange nicht so hart, wie es sich für Fremde anhören mag. Vor allem die mundartlichen Aussprachen wie z.B. „~schwien / schwinns~“ statt „Schwein“, „klinn“ statt „klein“ und „aal“ statt „alt“ haben eine zumeist abschwächende Funktion. Ernst wird es jedoch, wenn ein Goth’scher zum Hochdeutschen übergeht und das niedliche „Schwien“ zum bösartigen „Schwein“ wird. Spätestens dann ist Vorsicht geboten – denn dann folgen unter Umständen die auch dem Gutmütigsten geläufigen sehr derben und vulgären Kraftausdrücke, die allgemein auch im Hochdeutschen bekannt sind.

 


 

Die ausführliche Fassung des obenstehenden Aufsatzes finden Sie im „Kleinen goth'schen Schimpfwörterbuch“.

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