Die Ursprünge der Gothaer Mundart

Mittelhochdeutsche und frühneuhochdeutsche Sprachreste im heutigen Goth’sch


1. Zum Stand der Mundartforschung in Gotha

 

„Das ist ein Gothaer Unglück, die starke Abwertung der Mundart“, klagte schon vor fast 50 Jahren der Heimatforscher Arno Langlotz(1). Wurde und wird anderenorts die heimische Mundart oft stolz gepflegt und genießt sie bisweilen fast schon Kultstatus, so hat das Goth’sche nie das große Interesse weder der Gothaer noch der Lokalhistoriker gefunden. So lagen bis vor wenigen Jahren nur sehr wenige Arbeiten zum Thema Gothaer Mundart vor.

Zwar hatten sich bekannte Heimatforscher wie Karl Kohlstock(2), Louis Schmidt(3) und Rudolf Umbreit(4) des Themas angenommen, jedoch beschränkten sich alle auf lediglich kurze Aufsätze mit der Darstellung einiger dialektaler Eigenheiten oder einer Sammlung weniger Mundartworte. Mit dem vorerwähnten Arno Langlotz, der das Goth’sche unter anderem in Vorträgen über städtische Originale bis in die 1960er-Jahre lebendig erhielt, brachen schließlich die ohnehin raren Arbeiten gänzlich ab. Erst seit Mitte der 1990er-Jahre erfährt das Goth’sche wieder eine genauere und längst überfällige Untersuchung. So liegt inzwischen ein Mundartwörterbuch(5) und als Ergänzung ein Schimpfwörterbuch(6) vor, in denen der Großteil des gegenwärtigen goth’schen Sprachschatzes verzeichnet ist und detailliert auf die Besonderheiten der Mundart in Lautung und Formenbau eingegangen wird.

Was bislang jedoch noch aussteht, ist eine genauere Untersuchung, wo die Ursprünge der Gothaer Mundart liegen und auf welchen sprachlichen Entwicklungen ihre zuweilen seltsam anmutenden Eigenheiten beruhen. Mit dem vorliegenden Aufsatz soll der Versuch unternommen werden, diese Lücke zumindest im Ansatz zu schließen. Im Folgenden kann dabei jedoch nur auf ausgewählte Charakteristika eingegangen werden, da eine umfassende Darstellung aller sprachlichen Besonderheiten den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen würde.

 


 

2. Die Entwicklungsgeschichte der Mundart

 

Die Ursprünge unserer heutigen Mundart reichen etwa ein Jahrtausend zurück in die mittelhochdeutsche Sprachepoche(7). Mit dem Ende der Völkerwanderungszeit und dem Sesshaftwerden der fünf germanischen Großstämme (Alemannen, Bayern, Franken, Thüringer und Sachsen) begannen sich etwa im fünften Jahrhundert auf der Grundlage der gemeinsamen germanischen Ursprünge die Stammessprachen herauszubilden, die sich in den nachfolgenden Jahrhunderten zu Regionaldialekten (mhd.(8) „lantsprachen“ genannt) weiterentwickelten(9). Etwa vom 11. Jahrhundert an bildeten sich in den Dörfern und Siedlungsgemeinschaften infolge ihrer relativen Isolierung eine Vielzahl sprachlicher Besonderheiten heraus. Das heißt, der bis dahin vergleichsweise einheitliche, großräumige Regionaldialekt (in unserem Falle der Thüringer Dialekt) erhielt von Ort zu Ort eine spezifische, kleinräumigere Ausprägung und es entstanden die verschiedenen Ortsmundarten wie wir sie noch heute unterscheiden. So lässt sich ein Großteil der noch heute bekannten dialektalen Eigenheiten des Goth’schen vor allem auf die Zeit des Mittelhochdeutschen zurückführen.

 

 

Die Mundarten bildeten sich in der mittelhochdeutschen Sprachepoche heraus, der Zeit, in der die großen Lyriker des Mittelalters wie beispielsweise Walther von der Vogelweide ihre Verse schufen. Zahlreiche sprachliche Eigenheiten aus dem damaligen Sprachschatz haben sich im Goth'schen bis heute erhalten.


Vom 15. Jahrhundert an kristallisierte sich in den anwachsenden Städten schließlich ein neuer Dialekttyp heraus - der Stadtdialekt. In seinen Grundzügen war er weitgehend identisch mit dem Regionaldialekt, nahm jedoch durch den verstärkten Zuzug Fremder wie ein Sammelbecken auch viele sprachliche Elemente anderer Dialekte auf. Verstärkt ab dem 18. Jahrhundert änderte der Stadtdialekt unter dem Einfluss der Zuwanderer zunehmend seinen Charakter: Besonders markante dialektale Besonderheiten schliffen sich ab und wurden schließlich zugunsten einer breiteren Verständlichkeit aufgegeben. So entstanden in dieser Zeit unsere modernen Umgangssprachen(10).

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Gebrauch des Dialektes im Zuge der Industrialisierung in stärkerem Maße eingeschränkt. Das heißt, die ursprüngliche heimische Ortsmundart wurde sukzessive zugunsten der mundartnahen „niederen Umgangssprache“ verdrängt, welche nunmehr die Funktion des früheren Dialektes übernahm. Dieser kontinuierliche Verfall der dialektalen Eigenheiten - noch zusätzlich befördert durch die Zuwanderungsbewegungen in Folge des zweiten Weltkrieges - hält weiterhin an und lässt sich auch gegenwärtig sehr gut verfolgen.

So ist das heutige Goth’sch eigentlich nur noch ein vergleichsweise schwacher Abglanz des ursprünglichen Dialektes. Und doch ist es gerade angesichts dieser Entwicklungen erstaunlich, wie zäh sich jahrhundertealte mundartliche Besonderheiten, die vor allem aus der Zeit des Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen stammen, bis heute im alltäglichen Sprachgebrauch halten konnten. Auf einige soll nachfolgend näher eingegangen werden.

 


 

3. In der Mundart erhaltene mittelhochdeutsche und frühneuhochdeutsche Sprachreste

 

Um die oft verblüffenden Übereinstimmungen zwischen der alten mhd. und der gegenwärtigen mundartlichen Aussprache zu verdeutlichen, werden jeweils Beispiele aus dem goth’schen Sprachschatz den im mittelhochdeutschen Schrifttum belegten Worten gegenübergestellt. Zudem wird aufgezeigt, wie sich die mittelhochdeutsche bzw. frühneuhochdeutsche Sprachform bis in die Gegenwart weiterentwickelt hat.

 

3.1 Erhalt des mhd. Langvokals „û“ (sprich „uh“) --> im nhd.(12) zu „au“ diphtongiert(13)

 

goth’sch: ärrnhuus (Irren­haus), bruuner (brauner Schnaps), buer (Bauer), duern (dauern), duusnd (tausend), fuulich (faulig), muul (Maul), schnuutzn (Schnauze), schruum (Schraube), suer (sauer), wallerschhuusn (Waltershausen)
mhd.: brûn (braun), bûr (Bauer), krût (Kraut), liuthûs (Gasthaus), mûl (Maul), mûs (Maus), râthûs (Rathaus), sûr (sauer), tûsent (tausend), vûl-lich (faulig)

 

3.2 Erhalt des gekürzten (14) mhd. Vokals „û“ --> im nhd. zu „au“ diphtongiert

 

goth’sch: bruchn (brauchen), druffn (darauf), drussn (draußen), fussd (Faust), gehd russ (geht raus), huffn (Haufen), machs uss (mach es aus), nuff (hinauf), russzerrn (herausziehen), schuffl (Schaufel), suffn (saufen), ussländer (Ausländer), ussziehn (ausziehen)
mhd.: brûchen (brauchen), drûf (darauf), drûz (draußen), hinûf (hinauf), hinûz (hinaus, draußen), schûfel (Schaufel), sûfen (saufen), ûflouf (Auflauf), ûz (aus), ûzgang (Ausgang), ûzen (außen), ûzsetzic (aussätzig), vûst (Faust)

 

3.3 Erhalt des mhd. Langvokals „î“ (sprich „ie“) --> im nhd. zu „ei“ diphtongiert

 

goth’sch: bie (bei), daderbie (dabei), fiefn (Pfeife), frielech (freilich), iesekaal (eiskalt), iesenach (Eisenach), nien (hinein), schwien (Schwein), striedhamml (Streithammel), usswies (Ausweis), wien (Wein), wiewer (Weiber), zied (Zeit)
mhd.: bî mîner êre (bei meiner Ehre), drîtûsent (dreitausend), hinîn (hinein, drinnen), nâhe bî (nahe bei), pfîfe (Pfeife), schrîben (schreiben), strît (Streit), swîn (Schwein), wîp (Weib), wît (weit), zît (Zeit)

 

3.4 Erhalt des gekürzten(15) mhd. Vokals „î“ --> im nhd. zu „ei“ diphtongiert

 

goth’sch: das is minne (das ist meins), dinne schwesder (deine Schwester), drissch (dreißig), gizzch (geizig), ittel (eitel, ohne), schwinnsjung (Schweinsjunge), sinne mudder (seine Mutter), wisser (weißer Schnaps)
mhd.: dîn / dîner / dînes (dein / -er / -es), drîzec (dreißig), gît (Geiz), îtel (eitel), mîn / mîner / mînes (mein / -er / -es), sîn / sîner / sînes (sein / -er / -es), wîz (weiß)

 

3.5 Erhalt des mhd. Langvokals „iu“ (sprich: „ü“) --> im nhd. zu „eu“ diphtongiert

 

goth’sch: gehüül un geschrie (Geheul und Geschrei), hüüd (heute), de lüüd (Leute)
mhd: hiulen (heulen), hiute (heute), liute (Leute)

 

3.6 Erhalt der ungerundeten mhd. Formen mit „-e“ --> im frnhd.(11) zu „ö“ gerundet(16)

 

goth’sch: helle (Hölle), leffl (Löffel), leschn (löschen), schebbfn (schöpfen), zwelwe (zwölf)
mhd.: helle (Hölle), leffel (Löffel), leschen (löschen), schepfen (schöpfen), zwelf (zwölf)

 

3.7 Erhalt des mhd. „w“ im Inlaut --> im nhd. zu „b“ gewandelt

 

goth’sch: awer (aber), browiern (probieren), driewer (darüber), gardofflreiwe (Kartoffelreibe), gelwe farwe (gelbe Farbe), gerwergassn (Gerbergasse), iewelnehm’ (übelnehmen), mei liewer mann (mein lieber Mann), selwer (selber), weiwer (Weiber), zeowerschd (zuoberst)
mhd.: aver (aber), alwære (albern, töricht), hovel (Hobel), narwe (Narbe), swalwe (Schwalbe), varwe (Farbe)

 

 

Walther von der Vogelweide beklagt in diesen Versen das lockere Treiben am Hofe des Thüringer Landgrafen. Auch wenn das Gedicht zunächst schwer verständlich scheint, so findet der Mundartsprecher dennoch etliche Worte, die heute im Goth'schen noch fast genauso wie vor rund 800 Jahren ausgesprochen werden.

 

3.8 Erhalt des mhd. „m“ vor „f“ --> im frnhd. zu „n“ assimiliert

 

goth’sch: eimfach (einfach), fümf (fünf), hamf (Hanf), hamfl (Handvoll), mamfred (Manfred), semf (Senf), varnumfd (Vernunft)
mhd.: semfte (Sänfte), vümf / vumf (fünf), vernumfft (Vernunft)

 

3.9 Erhalt der mhd. Vorsilbe „ge-“ unter gleichzeitigem Wegfall der Infinitivendung „-en“(17)

 

goth’sch: geärcher (ärgern), geleech (legen), gemach (machen), hengesetz (hinsetzen), offgesaach (aufsagen), romgestried (herumstreiten), umgeduh (umtuen), ussgehald (aushalten), wechgeschüdd (wegschütten)
mhd.: gebîhten (beichten), gebrâten (braten), gedrinken (trinken), ge-ergern (ärgern), ge-ezzen (essen), gelesen (lesen), gemachen (machen), gerëchenen (rechnen), gerennen (rennen), gesagen (sagen), geschüten (schütten), gesîn (sein), hingedûn (hintuen), ûfgehœren (aufhören), ûfgestân (aufstehen)

 

3.10 Erhalt der mhd. Deklinationsendung „-n“ bei weiblichen Substantiven im Singular(18)

 

goth’sch: hol dech de hiddschn (hol dir die Hitsche = Fußbank), da is enne fliechn (da ist eine Fliege), ar is in dar stubn (er ist in der Stube), off de schnuutzn gefalln (auf die Schnauze gefallen), geb mech ema de flaschn (gib mir einmal die Flasche)
mhd.: er was der êren rîch (er war reich an Ehre), ûf der erden (auf der Erde), ëz was der kirchen eigentuom (es war das Eigentum der Kirche), daz bluot spranc ûz der wunden (das Blut sprang aus der Wunde), er az die spîsen in der kuchen (er aß die Speise in der Küche)

 

3.11 Erhalt von Substantiven mit schwankendem bzw. heute ungebräuchlichem Geschlecht(19)

 

goth’sch: der bröll (die Brille), der delefon (das Telefon), das dodder (der Dotter), das drahd (der Draht), das flegg (der Fleck), der / die gas (das Gas), die / der huhn (das Huhn), die indresse (das Interesse), der kardoffl (die Kartoffel), das klotz (der Klotz), der ritz (die Ritze), das sachng (die Sache), der zeh (die Zehe)
mhd: der gemach (das Gemach), der gewalt (die Gewalt), der / die last (die Last), der / die list (die List), der / daz lop (das Lob), der luft (die Luft), der segel (das Segel), der trân (die Träne), daz zît (die Zeit)

 

3.12 Erhalt des im frnhd. häufigen Plurals auf „-er“ bei Substantiven

 

goth’sch: dinger (Dinge), flegger (Flecke), hähner (Hähne), klötzer (Klötze), menscher (Frauen), näbbfer (Näpfe), reffer (Reffe), schleecher (Schläge), strigger (Stricke), stügger (Stücke)
frnhd.: Der im mhd. einsetzende Endungsverfall im Plural (mhd: daz buch - diu buch, daz lant - diu lant) machte eine Unterscheidung der Singular- von der Pluralform schwieriger, sodass neue Mittel zur Unterscheidung notwendig wurden: Zum einen ist dies der Umlaut (ä, ö, ü) und zum anderen die Flexionsendung „-er“ (frnhd.: die bücher, die wörter, die lender), die verstärkt im 16. und 17. Jahrhundert auftritt. Die Mundart hat etliche dieser im frnhd. häufigen Pluralformen bewahrt, welche später aus dem allgemeinen deutschen Sprachgebrauch ausschieden.

 

3.13 Erhalt der mhd. Deklinationsendung „-(e)n“ bei der Beugung von Personennamen

 

goth’sch: kretzschmarn sinne dochder (Kretzschmars Tochter), ech geh ema bie manfredn (ich gehe mal zu Manfred), da wer ech erschdema bedern gefraach (da werde ich erst einmal Peter fragen)
mhd.: ich hân hêrn Sîfriden triuwe (ich habe Herrn Siegfrieds Treueversprechen), wê Sîfriden - er hat mîn übele gedâht (wehe Siegfried - er hat mich übel verleumdet), man sach Sîfriden komen dort (dort sah man Siegfried kommen)

 

3.14 Erhalt der kontrahierten mhd. Form „hân“ (habe/-n)(20)

 

goth’sch: das han ech dech doch glei gesaachd (das habe ich dir doch gleich gesagt), mer han’s je nech gewussd (wir haben es ja nicht gewusst), se han’s donnech gemachd (sie haben es doch nicht gemacht)
mhd.: ich hân’z gemachet (ich hab’s gemacht), sie wolden hân (sie wollten haben), wir hân gedaht (wir haben gedacht)

 

3.15 Erhalt der mhd. Form „sîn“ (seiner) unter Auslassung des „î“

 

goth’sch: ar hadd sn sadd (er hat seiner (es) satt), jetz han ech sn sadd (jetzt habe ich seiner (es) satt)
mhd: „sîn“ (seiner) ist der Genitiv von „ëz“ (es)

 

3.16 Erhalt der mhd. unbetonten Nebenformen der Personalpronomen

 

goth’sch: mech wunnerds je au, awer ech kanns dech werglech nech gesaach, warom das su is (mich wundert es ja auch, aber ich kann es dir wirklich nicht sagen, warum das so ist)
mhd.: Die unbetonte Aussprache von „ich / mich / dich“ als „ech / mech / dech“ ist eine in dieser Zeit nicht seltene Nebenform bei den Personalpronomen.

 

3.17 Erhalt der frnhd. Imperative mit „-e-“

 

goth’sch: ess (iss), geb (gib), helf (hilf), les (lies), nehm (nimm), sprech (sprich)
frnhd.: Häufig bleibt in dieser Zeit der Stammvokal „e“ der Infinitivform (geben, lesen, sprechen) beim Imperativ Singular erhalten und wechselt nicht wie später im nhd. zu „i“ (gib, lies, sprich).

 


 

4. Goth’sche Mundartworte, die mhd. Wurzeln bewahrt haben

 

Nicht nur die Aussprache von Lauten oder Besonderheiten im Satzbau verweisen auf die jahrhundertealten Ursprünge unserer Mundart, sondern auch viele Mundartwörter selbst. So haben sich zahlreiche Worte aus dem mittelhochdeutschen Sprachschatz - manche in Aussprache und Bedeutung nahezu unverändert - über mehr als 600 Jahre in der Mundart (und auch nur dort) erhalten können. Um dies zu verdeutlichen, sei nachfolgend eine kleine Auswahl in direkter Gegenüberstellung der mundartlichen und der entsprechenden mittelhochdeutschen Form gegeben (die mhd. Vokale â, ê, î, ô und û sind lang zu sprechen).

 

 

Das neuzeitliche goth'sche Original Hänser (rechts) könnte sich mit seinem Vorfahren, dem spätmittelalterlichen Thüringer Ritter Tannwart (links), trotz eines zeitlichen Abstands von über 600 Jahren leichter verständigen, als man gemeinhin denken mag. Denn die Mundart hat zahlreiche Worte des Mittelhochdeutschen, die das Hochdeutsch nicht mehr kennt, bis heute bewahrt.

 

goth’sches Wort / Bedeutung

Mittelhochdeutsche Form / Bedeutung

   
(ver)blädern (schlagen, hauen, prügeln) blâdern (platschen, rauschen)
fitzen (zwicken, kneifen) phëtzen (kitzeln, zupfen, zwicken)
gackeln (Unfug treiben, Blödsinn anstellen) goukeln (Possen reißen, gaukeln)
gaksen (mit lauter Stimme rufen, quaken) gag-zen (gackern)
glänzerig (glänzend) glanzrîch (glänzend, klar)
ittel (allein, ohne etwas) îtel (eitel, leer, ohne, ledig)
itterbissig (bösartig, giftig) îter-bîzîc (beißend wie Gift)
kirmse (Kirmes, Kirchweihfest) kirmesse (Kirchmesse)
knief(t) (schlechtes (Taschen)Messer) knîf (Messer)
knotte (faustgroßer Klumpen, Stein) knote (Knorren, knotige Verdickung)
knutz (Anschnitt und Endstück vom Brot) knûst (Knorren, knotiger Auswuchs)
kutten (tauschen) kut (Tausch)
mähren (umständlich/langweilig erzählen) mæren (verkünden, erzählen, rühmen)
pelzen (vertreiben, wegscheuchen) pelze (jmd. eins versetzen)
schaffen (Bratpfanne) schaf (Gefäß)
scherchen (kratzend schieben) schërren (kratzen, schaben)
schiebel (Schirmmütze, alter Hut) schapel (Kopfschmuck, Haarreif)
schittchen (Scheitchen, Stollen) schît ((Holz)Scheit)
schludern (schleudern, schlenkern) slûdern (schleudern)
schnärzchen (amüsante Geschichte) snarz (Spottwort, Schelte, Spott, Hohn)
schrutz (nutzloses Zeug, Rest, Müll) schrôt (Schnitt, abgeschnittenes Stück)
schubben (einen Stoß geben, schieben) schup(f)en (schnell und heftig schieben)
schur (Bosart, Niedertracht) schûr (Leid, Verderben)
sotte (schmutzige Flüssigkeit) sôt / sote (Spülwasser)
sprutzen (spritzen, sprudeln) sprûzen (sprossen, sprießen)
stietz (kleiner Verschlag, Stall) stîc (Stall)
unäß (ungezogen, frech) unæzig (ungenießbar)
wepse (Wespe) webze (Wespe)

 


 

5. Schlussbemerkung

 

In dem vorliegenden Aufsatz konnte - dem Umfang der Thematik geschuldet - nur ein Teil der Ursprünge der goth’schen Spracheigenheiten erläutert werden. Bei der notwendigen Beschränkung auf wesentliche Charakteristika wird hoffentlich dennoch deutlich, dass unsere heimische Mundart durchaus ein bedeutendes und nicht zu vernachlässigendes Zeugnis unserer Kulturgeschichte ist.

Mit ihren jahrhundertealten Wurzeln ist die Mundart eben nicht schlechtes oder gar „heruntergekommenes“ Hochdeutsch (im Gegenteil: Hochdeutsch ist, vereinfacht ausgedrückt, „emporgehobene“ Mundart), sondern der eigentliche Ursprung unserer gegenwärtigen deutschen Hochsprache. Das Goth’sche - egal wie seltsam oder vielleicht sogar unschön es mit seinen sprachlichen Besonderheiten manchmal auch in unseren oder fremden Ohren klingen mag - hat nichts Lächerliches oder gar Primitives an sich und man braucht sich seiner keinesfalls zu schämen. Vielmehr kann und sollte jeder Mundartsprecher stolz darauf sein, dass er einen Teil unseres sprachgeschichtlichen Erbes pflegt und bewahrt.

Insofern soll dieser Aufsatz vor allem auch verstanden werden als eine Aufforderung an jeden mundartlich Interessierten, sein Wissen aufzuzeichnen, die Mundart genauer zu erforschen und sie in allererster Linie durch aktiven Gebrauch weiterzuvermitteln.

 



(1) Langlotz, Arno. Die wahre Muttersprache. Ein Bericht. In: Der Friedenstein. Jg. 1961. S. 59. Gotha: Dt. Kulturbund, Kreisleitung Gotha, 1961
(2) Kohlstock, Karl. Mundart, Sprichwort und Volksmund. In: Rund um den Friedenstein. Blätter für Thüringer Geschichte und Heimatgeschehen. Hrsg. Gothaisches Tageblatt. Jg. 7, Nr. 26. Gotha: Stollberg’sche Verlagsbuchhandlung, 1930
(2) ders. Mundart, Sprichwort und Volksmund. In: Rund um den Friedenstein. Blätter für Thüringer Geschichte und Heimatgeschehen. Hrsg. Gothaisches Tageblatt. Jg. 7, Nr. 26. Gotha: Stollberg’sche Verlagsbuchhandlung, 1930
(3) Schmidt, Louis. Die Gothaer Volkssprache und Volkspoesie. In: Rund um den Friedenstein. Blätter für Thüringer Geschichte und Heimatgeschehen. Hrsg. Gothaisches Tageblatt. Jg. 7, Nr. 26. Gotha: Stollberg’sche Verlagsbuchhandlung, 1930
(4) Umbreit, Rudolf. Goth’sche Hähne. In: Gothaer Jahrbuch 1942. Heimatkalender für die Stadt und den Landkreis Gotha. Gotha: Engelhard-Reyher-Verlag, 1941
(5) Cramer, Andreas M. Kleines Wörterbuch Goth’sch. Mit einer Einführung in die Gothaer Mundart. Gotha: Selbstverlag, 1998
(6) Cramer, Andreas M. Kleines goth’sches Schimpfwörterbuch. Gotha: Selbstverlag, 2001
(7) Beruhend auf den Entwicklungen im Sprachbau, in der die Veränderung der Laute eine besondere Rolle spielt, wird die Sprachentwicklung des Deutschen traditionell in vier Epochen eingeteilt: das Althochdeutsch (500–1050), das Mittelhochdeutsch (1050–1350), das Frühneuhochdeutsch (1350-1650) und das Neuhochdeutsch (1650-heute).
(8) mhd.: mittelhochdeutsch (1050 bis 1350)
(9) Von einer gemeinsamen „deutschen“ Sprache konnte zunächst allerdings noch keine Rede sein. Das im 8. Jahrhundert erstmals auftauchende ahd. „theodisc“ (lat. als „theodiscus“ belegt) bedeutet zunächst lediglich „zum eigenen Volk gehörig“ und bezeichnet die Gesamtheit der Stammesdialekte der germanischen Stämme zwischen Rhein und Elbe, Nordsee und Alpenraum. Der Begriff „diutisk“ als Vorstufe von „deutsch“ taucht sogar erst um das Jahr 1000 auf.
(10) Umgangssprache: landschaftlich gebundene Ausgleichsform zwischen Mundart und Literatursprache. Man unterscheidet die „gehobene Umgangssprache“, welche der Literatursprache nahesteht und seinerzeit vorwiegend vom Bürgertum und dem Adel gesprochen wurde; sowie die „niedere Umgangssprache“, welche mehr dem Dialekt nahesteht und vor allem von Handwerkern, Arbeitern und zugezogenen Bauern gesprochen wurde. Heute bedient sich jeder im Alltag einer mehr oder weniger stark mundartlich eingefärbten Form der Umgangssprache.
(11) frnhd.: frühneuhochdeutsch (1350 bis 1650)
(12) nhd.: neuhochdeutsch (1650 bis heute)
(13) Diphtongierung: qualitative Veränderung des Stammsilbenvokals, bei der aus einem Monophtong ein Diphtong entsteht (d.h. ein Selbstlaut wird zum Zwielaut umgeformt). Die nhd. Diphtongierung beginnt im 12. Jahrhundert und erfasst bis zum 16. Jahrhundert das gesamte deutschsprachige Gebiet.
(14) Der ursprüngliche mhd. Langvokal „û“ wird im frnhd. gekürzt zu „u“ und dann im nhd. zu „au“ diphtongiert (Aussprache: mhd. „schuufel“ / goth’sch „schuffel“ / nhd. „schaufel“).
(15) Der ursprüngliche mhd. Langvokal „î“ wird im frnhd. gekürzt zu „i“ und schließlich im nhd. zu „ei“ diphtongiert (Aussprache: mhd. „miene“ / goth’sch „minne“ / nhd. „meine“).
(16) Rundung: lautliche Veränderung des Stammsilbenvokals. Vorher mit ungerundeten Lippen ausgesprochene Vokale werden nun mit gerundeten Lippen gesprochen (d.h. ein Selbstlaut wird zum Umlaut umgeformt).
(17) In frnhd. Zeit (verstärkt im 14. Jahrhundert) treten vor allem im Thüringischen Infinitivformen auf, bei denen die Endung „-en“ verschwindet. So lautet z.B. die goth’sche
Redensart: „Wer wedd will, will beschiss.“ (wer wetten will, will bescheißen) ebenfalls endungslos.
(18) Die Deklinationsendung „-n“ verschwindet im Singular ab dem 17. Jahrhundert aus dem allgemeinen deutschen Sprachgebrauch und wird fortan ausschließlich im Plural gebraucht.
(19) Beginnend in frnhd. Zeit setzt sich ein Genus (Artikel) bei den Substantiven durch, wo vorher mehrere möglich waren, bzw. wechseln manche Substantive das Geschlecht. Z.T. sind noch Ende des 18. Jahrhunderts mehrere Artikel in Gebrauch (z.B. der / die / das Gift, der / die Pacht); erst in später nhd. Zeit setzt sich endgültig ein Artikel durch.
(20) Kontrahiertes mhd. „hân“ schwindet im 16./17. Jahrhundert aus dem allgemeinen deutschen Sprachgebrauch.

 



Die ausführliche Fassung des obenstehenden Aufsatzes finden Sie im „Gothaischen Museums-Jahrbuch 2003“.

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