Goth’sche Originale

 

 

Gotha und seine Originale: Bis in die 1930er-Jahre war der „Leichenzug“ eine der meistbegafften Kuriositäten der Residenzstadt. Die Blicke vieler Passanten richteten sich auf die Familie Roth aus der Löwenstraße, wenn diese am Wochenende ihren Spaziergang durch die Stadt oder den Park machte. (Foto: Verein für Stadtgeschichte und Altstadterhaltung Gotha e.V.)


Der Begriff „Original“ als Bezeichnung für einen „eigenartigen Menschen“ taucht erstmals in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf. Vor allem im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wurden auch in Gotha immer wieder Menschen als Originale bezeichnet, weil sie aus der Masse der Leute hervorstachen.

Die einen wurden von ihren Mitmenschen zu Originalen erklärt, weil sie aufgrund körperlicher Gebrechen auffielen, diesen Nachteil jedoch durch besondere Fähigkeiten und Charme wettmachten. Andere wiederum waren durch ihre Streiche, ihr respektloses Mundwerk oder ihren Witz in allen Lebenslagen stadtbekannt. Wieder andere hielten in ihrem Denken und Handeln an Althergebrachtem fest, ohne sich von geänderten Anschauungen oder dem Fortschritt beirren zu lassen, was sie zur Zielscheibe des Spottes machte.

 

Bemerkenswert ist, dass viele derer, die zu Originalen erklärt wurden, aus niedrigen sozialen Schichten stammten, häufig nur eine mangelnde Bildung und daher eine auffällige Naivität besaßen. Indes paarte sich dies oft mit einer gewissen Liebenswürdigkeit, sodass diese Menschen allgemein doch gemocht und ihre Marotten und Eigenheiten schmunzelnd betrachtet wurden. In den meisten Fällen bekamen die Originale aufgrund ihres Aussehens oder Verhaltens Spitznamen, die oft als Spottnamen gebraucht wurden und sie bisweilen sehr ärgerten.

Allen goth'schen Originalen gemein ist, dass sie „echt“ waren. Sie schauspielerten nicht, sondern waren stets authentisch und ganz sie selbst – auch wenn sie damit ihre Mitmenschen zumeist unfreiwillig erheiterten, Anlass zu Spott und Gelächter gaben. Meist wurden ihre „Auftritte“ bereits erwartet oder auch bestimmte Situationen bewusst provoziert, um sich am nächsten Tag eine neue amüsante Geschichte von ihnen erzählen zu können. Leider wurden diese Geschichten nur selten schriftlich festgehalten, sodass wir heute zumeist nur noch bruchstückhafte Informationen (in seltenen Fällen auch Bilder) von jenen originellen Zeitgenossen haben, die ihre Mitmenschen auf die eine oder andere Art erheiterten.

Die große Zeit der Originale scheint in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Ende gegangen zu sein, nicht nur in Gotha. Heute gibt es solche „Typen“, wie sie hier beschrieben werden, nicht mehr. Was von den goth'schen Originalen bleibt, sind die zu Anekdoten geronnenen Erinnerungen an ihre Aussprüche und Taten. In ihnen leben sie weiter, auch wenn die Zeiten, denen sie angehörten, längst vergangen sind.

 



Der Alte Huppel („dar aale Hubbl“)
Der „alte Huppel“ (genauer Name nicht bekannt) war um 1900 ein bekannter und gern gesehener Gast in der Restauration „Zum Riesen“ am Hauptmarkt 9 (1928 schloss dieses mit über 600 Jahren älteste Gasthaus der Stadt). Dort saß er regelmäßig auf dem Wachstuchkanapee, rauchte sein Pfeifchen und erzählte Schnärzchen in ursprünglichstem Goth'sch. Er soll der letzte gewesen sein, der noch die unverfälschte goth'sche Mundart sprach und nie ein hochdeutsches Wort gebrauchte.

Einst verlangte er in einem Blumenladen einen Kaktus, der „Mama“ sagen könne. Auf die Frage der erstaunten Verkäuferin, wie er denn auf diese Idee komme, deutete Huppel auf ein Plakat im Laden und meinte trocken: „No, da schtitts doch gedroggd: Laßd Blum' sprech!“

 

Die Alte Battn im Brühl („de aale Baddn im Brühl“)
In der Umgangssprache ist die „aale Baddn im Brühl“ durchaus noch einigen alten Goth'schen bekannt. Sie soll eine stadtbekannte Gemüsefrau gewesen sein, die meist vor ihrem Geschäft im Brühl auf Gemüsekisten gesessen und ihre Ware lautstark angepriesen haben soll. Wenn Mütter ihre Kinder zum Einkauf schickten, sagten sie gerne: Da gehsde zer aaln Baddn im Brühl.“ Dieser Hinweis wurde zur noch heute bekannten Redensart, auch wenn den Ursprung fast keiner mehr kennt.

(Erinnerung von Günter Groß)


Die Alte Friebe („de aale Friehm“)
Seit den 1920er-Jahren war die Geflügel- und Gemüsehändlerin Alma Friebe aus der Margarethenstraße 16 eine der bekanntesten Marktfrauen der Stadt. Alltäglich bot sie ihre Waren auf einem Klappbrett, das sie an dem Geländer neben der Margarethenkirche anhängte, feil. Mit ihrem marktschreierischen Mundwerk begeisterte sie vor allem die Schulkinder, die ihr für zwanzig Pfennig aus dem nahen Hotelrestaurant „Wünscher“ in der Erfurter Straße 1 (ehemals Haus „Zum güldenen Schaf“, 1993/94 Neubau) den zweiten Kaffeeaufguss holten.

Richtig böse konnte Friebe werden, wenn sie sah, dass sich die goth'schen Hausfrauen bereits bei ihren Konkurrentinnen auf dem Hauptmarkt mit Obst und Gemüse versorgt hatten und ihr so das Geschäft verdarben. Beim Luftangriff am 10. März 1945 kam sie in ihrem Haus, das völlig zerstört wurde, ums Leben.

Augustin
Kein Goth'scher, der ihn nicht kennen würde. Meist respektvoll „Herr Augustin“, aber auch romantisierend „lieber Augustin“ genannt, ist dieser Mann das mit rund 400 Jahren älteste Original der Stadt. Von der Figurengruppe, die in einer Nische des zweiten Stocks am Haus Hauptmarkt 2 (ehemals „Innungshalle“) steht und einen Mann darstellt, der zwei Kindern Brot reicht, berichtet eine Sage, dass dies der reiche Bürger Augustin sei, der während der Teuerung und Hungersnot 1433 bis 1438 Brot backen und kostenlos an die Hungernden verteilen ließ.

Wahr ist jedoch, dass die Figur als alter Schmuck am Haus der Stadtväter (sie befand sich schon vor dem großen Stadtbrand von 1662 am Treppenaufgang) lediglich symbolisch einen (Stadt)Vater darstellen soll, der seine Kinder – die Bürger – mit dem Nötigsten versorgt.

So nennt bis ins späte 18. Jahrhundert hinein keiner der Gothaer Chronisten einen Namen für die Statue, sondern vermutet nur, dass die im Volksmund erzählte Sage wahr ist. Erst Paul Welcker nennt in seinem Gedicht „Der Kinderfreund am Jakobsplatze zu Gotha“ den Mann Augustin, weil ihn wohl die Handlung des Mannes an den Kirchenheiligen Sankt Augustin erinnerte, der sein Hab und Gut mit den Armen teilte. Gegen die Geschichte vom reichen Bürger, der Brot verteilte, sprechen auch die beiden beschenkten Kinder selbst, die gutgekleidet und wohlgenährt sind.

1921 verewigte der bekannte Gothaer Illustrator Fritz Koch-Gotha Augustin auf einem Notgeldschein der Stadt, wobei auch er in einem Vers („Herr Augustin gab in Zeiten der Not den hungernden Kindern Gothas Brot“) die Sage aufgriff.

Bachmanns Henner
Um 1830 war Henner, der Sohn des Hopfenmessers und Bierrufers Friedrich Bachmann aus der Fritzelsgasse 467 (nach der 1858 eingeführten neuen Häusernumerierung Nr. 20), als „Bachmanns Henner“ stadtbekannt. Etwas einfältig und linkisch, zog der stets auffällige gekleidete Henner auf Verlangen der amüsierten Kinder Grimassen und gestikulierte wild. Als sein Vater starb, wollte Henner zum Leichenbegängnis seine geliebte rote Weste anziehen. Als ihm jedoch bedeutet wurde, dass dies wohl kaum der passende Aufzug für ein Begräbnis sei, antwortete er schmollend: „Wennech de rode Wesdn nech derf anzieh, machd mech de ganze Leich kinn Spaß!“

Benzin-Benzol
Als Benzin-Benzol war in den 1930er-Jahren der Altwarenhändler Karl Trümpert aus der Mauerstraße 12 bekannt. Trümpert verdiente sich seinen Lebensunterhalt neben dem Geschäft mit Altwaren auch mit Botengängen und Gelegenheitsarbeiten. Seinen Spitznamen, über den er sich sehr ärgerte, bekam er, weil er einst mit Benzin spekuliert haben soll. Angetan mit dunkelblauem Jackettanzug, lila Strümpfen, gelbbraunen Schuhen und oft auch angetrunken zog er seinen Altwarenkarren durch die Stadt und damit die Aufmerksamkeit vor allem der Kinder auf sich. Riefen ihm diese schließlich noch „Benzin-Benzol, deine Glatze ist hohl!“ hinterher, so verfolgte er sie laut fluchend.

Der blinde Carl
Als Sänger war der blinde Carl, ein großer breitschultriger Mann mit einer kräftigen, volltönenden Stimme, Ende des 19. Jahrhunderts ein gern gesehener Gast in den besseren Restaurants, Privathäusern und Fabriksälen Gothas. Carl, der in der Gerbergasse wohnte und von einem Jungen geführt wurde, begleitete seine Volkslieder selbst auf der Gitarre. Stets zog er eine große Schar begeisterter Kinder hinter sich her. War eines von ihnen krank, so musste Carl zu ihm ans Bett kommen und ihm etwas vorsingen.

Bockfrieder
In den 1930er-Jahren wohnte in der städtischen Hirtenwohnung Margarethenstraße 31 / Ecke Erfurter Wall (im Volksmund auch unter den Spottnamen „Hippelberg“ und „Ziegenberg“ bekannt) der Ziegenhirt Friedrich „Frieder“ Köllner mit seinen Ziegen. Die ärmliche Wohnung war ihm Unterkunft und Stall zugleich, sodass ihm stets der Geruch seiner Ziegen anhaftete. Viele Gothaer brachten ihre Ziege, in schweren Zeiten bekanntlich die „Kuh des kleinen Mannes“, zu ihm zum Decken. Zuweilen zog Köllner auch mit dem „Hochzeitswagen“, einem extra Holzkarren für einen Ziegenbock, durch die Stadt zu den Leuten, die von ihren Ziegen Nachwuchs erhofften.

Brezel-Hermann
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war der Bäckermeister Hermann (Nachname nicht bekannt) in ganz Gotha dafür bekannt, dass er auf der Straße seine Brezeln in einer umgehängten Wanne verkaufte. Die goth'schen Kinder fragten ihn gern „Hermann, hasdn frösche (frische)?“ Wenn Hermann dies bejahte, forderten sie ihn auf: „Lasse ma hüpf!“ (die „Frösche“). Der Bäcker schimpfte sie daraufhin „Schwinnsjongens“ und rannte wütend hinter ihnen her.

 

Der Bürgermeister („dar Börchermeisdr“)
Bis in die 1980er-Jahre war Paul Illhardt aus der Dreikronengasse nicht aus dem Stadtbild und den Gothaer Kneipen wegzudenken. Da er weder lesen noch schreiben konnte, aber stets irgendwo in der Innenstadt mit seinem abgetragenen und speckigen schwarzen Anzug (da er eher klein war und stets etwas nach vorn gebeugt lief, reichte ihm das Jackett beinahe bis zu den Knien) anzutreffen war, verspottete man ihn als Bürgermeister. Von ihm gibt es wohl Dutzende von Anekdoten.

Seinen Spottnamen soll Illhardt nach der folgenden Begebenheit erhalten haben: Als eines Abends die Bahnhofsgaststätte zwischen Gleis 2 und 3 (daher auch unter dem Spottnamen „Insel“ bekannt) schließen wollte, sagte Illhardt bestimmt: „Ech krich noche Bier, ech bin dar Börchermeisdr von Molschlehm!“

Meist schlug sich Illhardt mit Gelegenheitsarbeiten durch. So war er unter anderem Heizer in der NVA-Kaserne an der Ordrufer Straße (wo er auch als „Kohlenpaul“ bekannt war) und Geschirr-Abräumer in der Gaststätte „Schelle“ am Unteren Hauptmarkt.

Seinen Lohn wollte der „Bürgermeister“ immer nur in Münzen ausgezahlt bekommen, da ihm Scheine zuwider waren. Bekam er also die Geldstücke in die hingehaltenen Hände vorgezählt, rief er irgendwann: „Genuch, genuch!“, wenn ihm die Menge ausreichend erschien bzw. die Hände voll waren – egal, ob er dann schon den gesamten Lohn erhalten hatte oder nicht.

Für ein Bier schrieb Paul „Schlachtscheine“ aus und malte dabei sehr gewissenhaft Kringel und Schnörkel auf einen hingehaltenen Bierdeckel oder Zettel. Stellte man ihn aus Jux hinter eine Ladenkasse und bat ihn, für einen Moment das Geschäft zu führen, so verkaufte er den Kunden (die draußen natürlich vom Ladeninhaber informiert wurden) ausnahmslos alles für „'ne Mark“.

Ging er mit seiner viel größeren Frau (die er „Frauchen“ nannte) durch die Innenstadt, so unterhielt er sich mit ihr – zur Belustigung sämtlicher Passanten – oft lautstark und mit derben Worten über mehrere Meter hinweg.

Großes Gelächter gab es in der Stadt, als ausgerechnet der „Bürgermeister“ 1975 auf dem Titelfoto eines Buches über Gotha erschien. Auf dem Foto, welches das Rathaus zeigt, läuft er gerade zufällig mit seiner Frau über den Unteren Hauptmarkt.

(Erinnerungen von Peter Meerbach)


Chaplin („Schabblin“)
Bis in die 1960er-Jahre hinein war Alfred Heinze aus der Bufleber Straße 5 in der Stadt aufgrund seines Ganges – er musst gezwungenermaßen so laufen, wie es der große Schauspieler Charlie darstellte – als „Chaplin“ bekannt. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Heinze, den der Spottname sehr ärgerte, mit zahlreichen Gelegenheitsarbeiten wie Losverkauf oder Kohlentragen, als Bauchladenverkäufer, wandelndes Werbeplakat für den Zirkus oder als „lebende Litfaßsäule“.

Dauerhafter Arbeit eher abgeneigt und oft Zigaretten schnorrend, war er jedoch stets für einen Spaß gut. So stellte er sich eines Tages mitten auf die Straßenbahngleise in der Gartenstraße und ließ den Fahrer der Straßenbahn solange nicht weiterfahren, bis dieser ihm eine Zigarette gegeben hatte. Ein anderes Mal steckten ihn Spaßvögel in ein Heringsfass und schickten „Schabblin“ als Frachtgut per Bahn nach Hamburg.

Berühmt war der kleine und dickliche Mann auch für seinen „Bärentanz“, nach dem er von den Umstehenden Geld in seine Mütze einsammelte.

Sein Stammlokal war die „Neue Welt“ in der Kindleber Straße. Dort setzte sich „Schabblin“ gerne an einen Tisch mit jüngeren Leuten und steckte unvermittelt seinen Finger in eine fremdes Bierglas, das ihm dann natürlich überlassen wurde.

Mit seinen Späßen und kleinen Frechheiten machte sich „Schabblin“ jedoch nicht nur Freunde. Als er eines Tages wieder einmal als „lebende Litfaßsäule“ (d.h. mit einer Tonne um den Körper) in der Innenstadt unterwegs war, stieß ihn jemand absichtlich um, sodass Heinze quer über die Straße kullerte.

(Erinnerungen von Peter Meerbach)


Charles Endert („Scharls Enderd“)
Als witzigen und schlagfertigen Mann kannten die Gothaer Ende des 19. Jahrhunderts den Galanteriewarenhändler Carl „Charles“ Wilhelm August Endert. Bei einem Spaziergang mit seiner Frau zum Galberg antwortete er einem Bekannten, der ihn nach dem Wohin fragte: „Ich lasse meinen Drachen steigen.“ So wurde seine Frau zur „Namenspatin“ für den Brühl, der fortan im Volksmund nur noch den Spottnamen „Drachenschlucht“ trug, da Endert sein Geschäft – das „Haarnadelgewölbe“ – eingangs des Brühls am Hauptmarkt 38 / Ecke Fritzelsgasse hatte.

Überliefert ist auch folgende Anekdote: Eines Abends, auf dem Weg nach Hause aus seiner Stammkneipe „Gambrinus“ in der Gartenstraße, überkam Endert ein dringendes Bedürfnis, dem er sogleich in einer der Toreinfahrten Folge leistete, obwohl eine derartige Verunreinigung der Straßen laut Magistratsverordnung bei Strafe verboten war. Als er sich gerade hingehockt hatte, um sein Geschäft zu verrichten, kam ein Nachtwächter vorbei, der ihn entrüstet ansprach: „Herr Endert! Das will doch der Stadtrat nicht!“ Endert entgegnete daraufhin gleichmütig: „So, der Stadtrat will’s nicht? Ich kann’s auch nicht brauchen. Wenn Du daheim Verwendung dafür hast, kannste dir’s einwickeln und mitnehmen!“

Die Dicke Schröder („de digge Schrödern“)
Bis in die 1950er-Jahre war die Marktfrau Schröder aus der Kindleber Straße 18 eine der bekanntesten Marktfrauen der Stadt. Außer ihrer beträchtlichen Leibesfülle, die ihr den Beinamen eintrug, zeichnete sie sich vor allem durch ein flinkes Mundwerk aus. Wie die meisten ihrer Kolleginnen nie um eine schlagfertige Antwort oder eine derbe Bemerkung verlegen, wusste sie stets geschickt ihre Waren an den Mann bzw. die Frau zu bringen.

Dienstmann Krause
Von Adolf Krause, der um 1930 als Dienstmann auf Schloss Friedenstein angestellt war und auch dort wohnte, ist folgende Anekdote überliefert: In der Zeit der Weimarer Republik suchte er nachts mit einer Laterne den Hauptmarkt ab. Von einem Streifenpolizisten nach seinem Tun befragt, antwortete Krause (der vielleicht wirklich nur einen verlorenen Gegenstand suchte) schlagfertig und zweideutig: „Ich suche die Verfassung“. Zwar musste er auf diese den Staat verächtlich machende Äußerung hin mit auf die Wache, jedoch passierte ihm nichts.

Der Einsiedler
In den 1920er-Jahren hatte sich der Schlossermeister Richard Merbach aus der Hasengasse 4 auf dem Krahnberg zwischen Trüglben und Aspach ein Stück Land gekauft, um dort nach dem Motto „Zurück zur Natur“ zu leben. Sein selbstgezimmertes kleines Wohnhaus, auf dem First von einer riesigen Bahnhofsuhr gekrönt, hatte er mit Sprüchen wie „Wasser gibt Wachstum und Schönheit“ und „Gesundheit ist Glück“ versehen. Neben dem Haus befanden sich ein Stall für ein Pferd und eine Ziege sowie ein kleiner Schuppen für seinen Hanomag, mit dem Merbach sogar sein Feld beackerte. Auf dem nahen kleinen See fuhr er mit einer Backmulde umher. Am Wochenende kamen oftmals Ausflügler, um den Einsiedler als eine Art frühen „Öko-Freak“ für Geld zu bestaunen.

Der Fischverkäufer
In den 1940er-Jahren war der Gothaer Sucker (Vorname nicht bekannt) einer der bekanntesten Gelegenheitsarbeiter in der Stadt. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich durch die verschiedensten kleinen Dienste und Arbeiten, die vor allem bei den Händlern anfielen. Seinen Spitznamen bekam Sucker, weil er oft für die Fischhandlung Otto Böhm aus der Marktstraße Werbung lief. Vorn und hinten behängt mit einem großen Werbeplakat der Firma, trug er zusätzlich noch einen großen Fisch in einer Hand, um die Leute zum Kauf zu animieren.

Hänschen Rotwurst („Hänschn Rodworschd“)
Als „Hänschen Rotwurst“ war bis in die 1950er-Jahre der Straßenkehrer Hans „Hänser“ Wiegand bekannt. Wiegand, der in der Friemarer Straße 33 wohnte, war der letzte richtige Straßenkehrer der Stadt. Noch mit Reisigbesen und Schaufel ausgerüstet, oblag er alltäglich sehr gewissenhaft und sorgfältig seinen Pflichten in der Innenstadt. Stets war Wiegand, der durch seinen Buckel auffiel, korrekt und ordentlich mit einem weißen Hemd und einer Krawatte bekleidet, wenn er seine Arbeit erledigte.

Hänser
Als fiktives goth'sches Original wurde Hänser 1999 vom Zeichner Kai Kretzschmar und dem Autor Andreas M. Cramer als Teil des Duos „Hänser & Schluder“ geschaffen. Vier Jahre lang tauchte Hänser, ein ehemaliger Straßenbahnschaffner, wöchentlich in der Mundart-Bildergeschichte „Hänser & Schluder – Zwei goth'sche Guschen“ in der „Gothaer Tagespost/TLZ“ auf und kommentierte in 200 Folgen das aktuelle Geschehen in der Stadt mit unverwechselbarem goth'schem Humor.

Nach dem vorläufigen Ende der Zeitungsserie 2002 trat Hänser als Figur für Illustrationen bislang in zwei Büchern auf: Im „Kleinen goth'schen Schimpfwörterbuch“ und in „Die Gothaer Sagen / De goodschn Saachn“. Seit 2010 wird Hänser vom Gothaer Jens Rönnpagel bei verschiedenen Stadtführungen (z.B. „Sagenhafte Innenstadt“ und „Gothaer KneipenKultTour“) verkörpert, in deren Rahmen er sich ebenso deftige wie amüsante Wortgefechte in Mundart mit seinem Gegenpart Schluder (Ralph-Uwe Heinz) liefert.


Der Halbe Mann („dar halwe Mann“)
In den 1930er-Jahren war der sehr kleine (daher „halbe“) Herr Wagner einer der bekanntesten Schnapsbrüder der Stadt. Stets sah man ihn mit Schluder, einem anderen, sehr großen und mageren Schnapsbruder (neben dem Wagner noch kleiner als sonst wirkte), durch die Stadt ziehen. An den Markttagen, mittwochs und samstags, verdiente sich Wagner bei den Händlern als Markthelfer ein paar Groschen dazu, indem er Obst und Gemüse herbeifuhr und Abfälle wegräumte. Den Großteil seiner Einnahmen setzte er dann gleich an Ort und Stelle wieder in Schnaps um.

Der Herzog von Gotha („dar Herzooch von Gohde“)
Der in den 1930er- und 1940er-Jahren sehr populäre Schneidermeister Fritz Leipold hatte die Gewohnheit, die von ihm angefertigten Anzüge seiner Kunden erst einmal selbst zu tragen, bevor diese ihre Kleidung bekamen. Daraufhin wurde er von einem erbosten Kunden auf Schadensersatz verklagt. Zu der folgenden Gerichtsverhandlung kamen viele Gothaer, die den Schneider als Spaßvogel schätzten und sich ein amüsantes Verfahren versprachen. Als schließlich das Urteil zuungunsten Leipolds verkündet wurde, drehte sich dieser zum Publikum um und fragte theatralisch: „Und was sagt mein Volk dazu?“ Die vor Lachen tobende Menge nannte ihn daraufhin nur noch den „Herzog von Gotha“ (auch „Fürst von Gotha“).

Das Hundewürstchen („s Hunnewerschdchn“)
Auf die Hundehäufchen als besten Dünger für seine Pflanzen schwor der Mann, den die Goth'schen nach ebendiesen Häufchen oder Würsten schlicht und einfach Hundewürstchen benannten. Mit einem kleinen Handwagen und einem Kohlenschäufelchen ausgerüstet, sammelte er in den 1940er- und 1950er-Jahren in der Stadt die Produkte der Vierbeiner ein.

Die Katzen-Göbel („de Katzngebln“)
Eine bis in die 1930er-Jahre stadtbekannte alte Frau (Vorname nicht bekannt), die stets viele Katzen um sich herum hatte, wenn sie durch die Stadt ging. Die Kinder ärgerten sie, indem sie ihr „Miau“ hinterherriefen.

Der Kleine Lossius
Besonders auf Feiern, Schützenfesten und Kirmsen war der zwergenhafte und fröhliche Porzellanmaler Lossius anfangs des 19. Jahrhunderts als Sänger gern gesehen. Dort trug der aus einer angesehenen Gothaer Familie stammende Handwerker und Junggeselle seine Lieder und selbstverfassten Reime vor, wobei er als besondere Kunststück seine Pudelmütze, die er stets trug, in die Luft warf und geschickt mit dem Kopf wieder auffing.

Kurtchen Jahnke
Gern im Laufschritt, aus Angst vor „bösen Buben“, die ihm etwas antun könnten, erledigte Kurt „Kurtchen“ Jahnke (er wohnte In der Klinge 5) bis in die 1960er-Jahre Botengänge für verschiedene Gothaer Geschäfte.

So trug er unter anderem für das Blumengeschäft am Arnoldiplatz Blumen aus, wobei er bei der Ablieferung für einen Groschen das Lied „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ aus der Operette „Der Vogelhändler“ von Carl Zeller sang. (Andere erinnern sich auch an das Lied „Dunkelrote Rosen bring ich, schöne Frau“ aus der Operette „Gasparone“ von Karl Millöcker). Die goth'schen Kinder fragten ihn darum gern, wo denn Tirol eigentlich liege, woraufhin Jahnke in Richtung Freundwarte, bzw. Trügleben wies.

Für die Konditorei Schneider in der Eisenach Straße trug „Kurtchen“ Jahnke Torten aus, z.B. in den Berggarten. Und selbst bei zwei oder drei Torten hielt er die Arme den gesamten Weg über weit ausgestreckt in Vorhalte.

(Erinnerungen von Peter Meerbach und Günter Groß)

Leichenbitter Krehl
Bis etwa 1870 hatte sich der alte Brauch der Hochzeits- und Leichenbitter in Gotha erhalten. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Zunft war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Nadlermeister Krehl, Onkel des bekanntesten Förderers der Stadt Gotha, Ernst Wilhelm Arnoldi.

Krehl hatte als Hochzeitsbitter im Namen der Brauteltern Verwandte und Gäste zur Feier einzuladen. Als Leichenbitter setzte er Verwandte und Freunde eines Verstorbenen von dessen Tod in Kenntnis, was er mit der entsprechenden „Leichenbittermiene“ und der stets gleichen Anfangsfloskel bekanntgab: „Ich will hiermit kund und zu wissen tun, dass ...“. Der Hochzeits- und Leichenbitter in seiner charakteristischen schwarzen Tracht (auf dem Kopf ein Zweispitz, an den Schultern ein mehrere Meter langer schwarzer Flor, der wie eine Schleppe im Arm getragen wurde) wurde bei seinem Rundgang durch die Häuser stets mit einem Trunk bewirtet oder mit kleineren Gaben bedacht.

Arnoldi widmete Krehl im Berggarten nahe dem Arnolditurm eine Ruhebank und einen ovalen Steintisch, auf dessen Rand zu lesen war „Dem Vetter Krehl. E.W.A.“ (1967 zusammen mit dem Arnolditurm abgebrochen, ein Teil der Tischplatte ist heute im Lapidarium unter den Schlossarkaden zu sehen).

Der Leichenzug („dar Leichnzuuch“)
Bis in die 1930er-Jahre hinein war der „Leichenzug“ eines der meistbegafften Originale der Stadt. Die Blicke vieler Passanten richteten sich auf die Familie Roth aus der Löwenstraße 4, wenn diese – voran der Vater im viel zu kurzen, abgetragenen schwarzen Anzug mit weißen Handschuhen, daneben die Mutter im dunklen, langen Kleid mit riesigem schwarzen Hut sowie Tochter Feodora im stets gleichen hellen Kleid – am Wochenende ihren Spaziergang durch die Stadt machte.

Nur selten sah man die Familie miteinander sprechen oder gar lächeln, immer ging sie ernst und würdevoll durch die Stadt und versuchte, den einstigen Glanz der gutbürgerlichen Mittelschicht zu wahren. So waren die Roths im Sommer auch alle 14 Tage auf den Kurkonzerten in Friedrichroda anzutreffen.

Wenn am Mittwoch und Samstag auf dem Buttermarkt der Gothaer Wochenmarkt abgehalten wurde, sah man die Familie stets über den Markt schlendern und überall an den Ständen die Waren (Obst, Wurst, Brot etc.) probieren. Nie jedoch sah man sie etwas kaufen, was der goth'sche Volksmund hämisch mit dem Satz: „Dar Leichnzuuch had widder emol billech gefrühstüggd.“ kommentierte.

Meister Barth
Der Gothaer Schneidermeister Alfred Barth, der sein Geschäft am Buttermarkt 2 hatte, war um 1900 für seine oft sehr deftigen Späße in der ganzen Stadt bekannt.

Die Motte („de Moddn“)
Wohl der einzige goth'sche Spottname, der sich vom Großvater über den Sohn auf den Enkel übertrug. Um 1840 bekam der Schuhmachermeister und Mitglied der Bürgergarde August Koch aus der Kleinen Erfurter Gasse 571 (heute Marktstraße) diesen Namen, als er einen Freund, der eine Gardeübung übersehen hatte und nicht erschienen war, anderentags auf das Versäumnis aufmerksam machte. Der Freund bezweifelte jedoch, dass es unbedingt Pflicht war, an der Übung teilzunehmen. Koch erklärte ihm eindringlich und im urigsten Goth'sch: „Ne, ne, me mottn komm' (wir mussten kommen)“. Seitdem wurde er, sowie später sein Sohn und Enkelsohn, nur noch „de Moddn“ genannt.

Napoleon
Mit einer offiziellen Auszeichnung von der Regierung und mehreren Zeitungsartikeln konnte Karl Köllner 1928 sein 60. Dienstjubiläum als ältester Lohnkellner Deutschlands feiern. Köllner, der in der Brückenstraße 2 wohnte und im nahen Hotel „Zum Mohren“ (2008 abgebrochen) in der Mohrenstraße arbeitete, sah dem französischen Imperator ähnlich und wurde in dem Hotel, in dem der Kaiser auf seinem Rückzug von Leipzig im November 1813 abgestiegen war, deshalb zu einer Berühmtheit. (Noch bis in die 1920er-Jahre gab es im „Mohren“ ein „Napoleon-Zimmer“ mit einer handschriftlichen Notiz von Napoleons Adjutant Collendière auf der Tapete. Sie lautete: „Cette piéce était en Novembre 1813 la de-meure du grand Napoléon en retraite ápres la bataille de Leipzig. Collendière.“ – Dieses Zimmer war im November 1813 die Unterkunft des großen Napoleon auf seinem Rückzug nach der Schlacht von Leipzig.)

Köllner soll oft betrunken gewesen sein, wofür er nach der Arbeit von seiner Frau Karoline mit dem Ausklopfer verprügelt wurde.

Rappel-Grosch
Aufgrund seines kurzangebundenen und starrköpfigen Wesens, eben seines „Rappels“ im Kopf, bekam der Hof- und Ratsuhrmacher Carl Grosch um 1840 diesen Spitznamen. Eines Morgens war Grosch damit beschäftigt, vom Gesims seines Ladens in der Kleinen Erfurter Gasse 19 (heute Marktstraße) den Staub abzukehren, als sein Nachbar, der Schuhmacher August Koch, vorbeikam. Von Koch „Was machsdn da, Karle?“ gefragt, erwiderte Grosch schnauzig und in Anspielung auf Kochs Spitznamen „de Moddn“: „Ech kehr de Moddn ronger!“ Koch antwortete daraufhin schlagfertig: „Das han ech noch garnech gewussd, dasses in ä Ärrnhuus au Moddn gibd!“

Der Rosenkutscher
Ende des 19. Jahrhunderts war der Lohnkutscher Ernst Büßer stadtbekannt. Viele Jahre hatte er in Friedrichroda die Kurgäste kutschiert, wobei er sich stets bemühte, ihre vornehme Art nachzuahmen. Weil er stets eine frische Rose im Knopfloch trug und mit Vorliebe französische Wörter (wenn auch falsch) gebrauchte, bekam er den Spitznamen „cocher de rose“ (Rosenkutscher). Weil Büßer nebenbei noch eine Assekuranz vertrat, die Schweinebauern versicherte, machten Spötter daraus schnell „cochon de rose“ (das rosa Schwein).

Als Büßer eines Tages in der Lotterie einen beträchtlichen Betrag gewann, zog er nach Gotha, wo er fortan als „Privatier“ im Dammweg 13 (heute Moßlerstraße) wohnte. In der Residenzstadt spielte er den feinen Herrn und versuchte, Zugang zu den „höheren Kreisen“ zu bekommen. So versäumte er keine Vorstellung des Theaters, wo er in der 1. Rangloge gegenüber der sogenannten kleinen Hofloge seinen Stammplatz hatte. Besuchten Vertreter des gothaischen Hofes oder gar der Herzog selbst das Theater, stand Büßer beflissen stets als erster auf, um den Herrschaften die Reverenz zu erweisen.

Bald bekam Büßer die fixe Idee, der Sohn des regierenden Herzogs Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha zu sein. Er ließ sich daher den Bart so wie der Herzog scheren – schmaler Schnurrbart, Unterlippenbärtchen und spitzer Kinnbart – und präsentierte sich, vornehmlich im Theater vor den Honoratioren der Stadt, ganz im Stile des Herzogs: schwarzer Frack und Zylinder, weiße Handschuhe und die obligatorische Rose am linken Revers. Um auch jedem die Ähnlichkeit deutlich zu demonstrieren, pflegte sich Büßer im Hotel „Wünscher“ in der Erfurter Straße 1 direkt unter ein großes Porträt des Gothaer Herzogs, welches zwischen zwei Fenstern hing, zu setzen.

Indes fand Büßer trotz aller Bemühungen nicht die gewünschte Beachtung in den „höheren Kreisen“ und soll in ärmlichen Verhältnissen gestorben sein.

Der Schlotfeger („dar Schloodfeecher“)
Obwohl eigentlich kein richtiges Original, ist der „Schlotfeger“ bei den Gothaern seit mehr als 200 Jahren doch eine bekannte Gestalt. Von dem anatomischen Trockenpräparat eines menschlichen Körpers (ein etwa 8-jähriger Junge, etwas über einen Meter groß, geschwärzt und nur aus Knochen und Sehnen bestehend), welches bis heute im Museum der Natur auf dem Friedenstein als Kuriosität gezeigt wird, gibt es eine amüsant-grausige Sage. Danach handelt es sich bei ihm um die Leiche eines Kaminkehrergehilfen, der beim Reinigen der Kamine des Schlosses Friedenstein in einem der Abzüge steckenblieb, beim Wiederanzünden des Feuers nicht bemerkt wurde und elend verbrannte und zusammenschrumpfte. Wahr ist indes, dass der „Schlotfeger“ 1723 durch den Bader und Hofchirurgus Johann Christian Bube als fertiges Anatomiepräparat in Paris erworben und an das seit 1656 bestehende anatomische Kabinett der Herzoglichen Kunstkammer verkauft wurde.

Der Schluder
Zusammen mit dem „Halben Mann“ war der „Schluder“, der eigentlich Pechstein hieß, in den 1930er-Jahren einer der bekanntesten Schnapsbrüder Gothas. Für das wenige Geld, das er sich durch kleinere Gelegenheitsarbeiten verdiente, kaufte er sich meist Schnaps und zog häufig angetrunken durch die Stadt. Seinen Namen hatte der lange und hagere Pechstein vom Wort „schludern“ (umherschlenkern), das wohl treffend seine gewohnte Gangart beschrieb.

Schluder
Als fiktives goth'sches Original wurde Schluder 1999 vom Zeichner Kai Kretzschmar und dem Autor Andreas M. Cramer als Teil des Duos „Hänser & Schluder“ geschaffen. Vier Jahre lang tauchte Schluder, ein ehemaliger Wirt, wöchentlich in der Mundart-Bildergeschichte „Hänser & Schluder – Zwei goth'sche Guschen“ in der „Gothaer Tagespost/TLZ“ auf und kommentierte in 200 Folgen das aktuelle Geschehen in der Stadt mit unverwechselbarem goth'schem Humor.

Nach dem vorläufigen Ende der Zeitungsserie 2002 trat Schluder als Figur für Illustrationen bislang in zwei Büchern auf: Im „Kleinen goth'schen Schimpfwörterbuch“ und in „Die Gothaer Sagen / De goodschn Saachn“. 2009 betrat die Figur des Schluder auch die Theaterbühne: Im Silvestersketch „Dar neunzschsde Gebordsdaach oder Dinner for One auf Goth'sch“ bedient er als Diener Schluder die Herzogin Sophie von Sachsen-Gotha-Altenburg. Seit 2010 wird Schluder vom Gothaer Ralph-Uwe Heinz bei verschiedenen Stadtführungen (z.B. „Sagenhafte Innenstadt“ und „Gothaer KneipenKultTour“) verkörpert, in deren Rahmen er sich ebenso deftige wie amüsante Wortgefechte in Mundart mit seinem Gegenpart Hänser (Jens Rönnpagel) liefert.

 

Der Schmied am Steinweg
Der Steinweg (heute das östliche Teilstück der Eisenacher Straße zwischen Bertha-von-Suttner-Platz und Annastraße) führte etwa seit Anfang 1800 zum Friedhof II, sodass alle Leichenzüge, die aus der Stadt durch das Brühler Tor kamen, dort passieren mussten. Ein frommer Schmied, der am Steinweg seine Werkstatt hatte, kommentierte jeden Leichenzug mit den teilnahmsvollen Worten „Do trahn sen hen“ (Da tragen sie ihn hin). Sein zahmer Star, der diesen Satz oft hörte, ahmte ihn bald nach und konnte deutlich den bekannten Satz seines Meisters sagen. Als der Star jedoch eines Tages von einer Katze gepackt wurde, piepste er in höchster Todesangst „Do trahn sen hen!“. Die erschreckte Katze soll den Star augenblicklich aus ihren Krallen gelassen haben, der durch diese Geschichte mitsamt seinem Meister in der ganzen Stadt berühmt wurde.

Sießchen-Schnabel
Mit seiner weißen Schürze und dem vor den Bauch gehängten, blank vernickelten Blechkasten, aus dem er heiße Siedewürstchen (auf goth'sch „Sießchen“, von frz. „saucisse“) anbot, war der Wursthändler Paul Schnabel aus der Friemarer Straße 1 in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bekannte Figur im Stadtbild. Das Paar Würste kostetet bei ihm 35 Pfennig, Brot mit Senf verkaufte er für fünf Pfennig. Geplatzte Würstchen gab er für Kinder billiger ab. Schnabel stand tagsüber oft an den Gothaer Schulen wie dem „Ernestinum“ in der Bergallee oder ging durch die Erfurter Straße über den Neumarkt und die Marktstraße zum Hauptmarkt. Sowohl auf dem Schützenfest war er stets anzutreffen als auch im Winter am Großen Parkteich, auf dem die Kinder glännerten. Diese versuchten oft, einen Schneeball in Schnabels Senffass zu schießen, was diesen fuchsteufeldwild machte. So drohte er, den Werfern nie wieder ein Würstchen zu verkaufen. Abends ab 22.00 Uhr war „Sießchen-Schnabel“ meist zwischen dem Theater und dem Kino unterwegs, um seine Würstchen zu verkaufen.

(Erinnerungen von Heinz Hennrich)

Singe-Kohl
Mit seinem alten Offiziersmantel, den er mit selbstgebastelten Papporden schmückte, und seiner abgetragenen Offiziersmütze war Kohl (Vorname nicht bekannt) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der ganzen Stadt als etwas schrulliger, aber gemütlicher alter Mann bekannt, von dem man sich viele Geschichten erzählte.

Seinen Spottnamen bekam er, weil er einige Zeit lang auf den Höfen sang, wobei er sich selbst auf dem „Zerrwanst“ begleitete. Als dies nicht mehr genug Geld einbrachte, verlegte sich Kohl als Hausierer auf den Bauchladenverkauf von Seife, Schuhwichse, Bürsten und ähnlichem Kleinkram. Seinen Spruch „Mei Wichs is gud!“, mit dem er seine Schuhwichse anpries, erweiterten die goth'schen Kinder zum respektlosen Reim: „Mei Wichs is gud, mei Wichs is gud – un wenn se au nech glänsn duhd!“ Fuchsteufelswild konnte Kohl, der etwas hinkte, werden, wenn ihm die Kinder dann auch noch „Hink-Kohl, Tapp-Kohl!“ nachriefen. Laut fluchend und wohl zumeist vergeblich versuchte er dann, sie zu verfolgen.

Mit seiner ausrangierten Uniform und einer schwarzen Reisetasche ausstaffiert, machte er sich von Zeit zu Zeit den Spaß, gegenüber der Kaserne in der Bürgeraue gemessenen Schrittes wie ein pensionierter Major vorbeizumarschieren. Fiel der Wachtposten am Tor auf Kohls Verkleidung herein und salutierte pflichtgemäß, freute sich dieser diebisch.

Eine Stammtischrunde machte sich am Geburtstag des regierenden Herzogs Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha den Spaß, Kohl zur Verleihung eines Ordens in ein Wirtshaus einzuladen. Ein Orden wurde beim Altwarenhändler gekauft und die Einladung von einem der Spaßvögel, als Hoflakai verkleidet, Kohl überbracht – der im übrigen stets behauptete, der Schwager des Herzogs zu sein. Auf dem Weg zur „Ordensverleihung“ kam Kohl an einer Kneipe vorbei, die auf einem Schild „Kalte und warme Speisen, helle und dunkle Biere, Franz. Billard“ anpries. Kohl, der einem guten Schluck nicht abgeneigt war, wollte sich zur Feier des Tages etwas Besonderes gönnen und verlangte vom Wirt eine Flasche „Franz. Billard“. Gewitzt füllte dieser eine Flasche Aufwaschwasser ab, tat einen ordentlichen Schuss Schnaps hinein und gab sie Kohl umsonst mit. Nach der Verleihung des Ordens wollte sich Kohl mit dem vermeintlich guten Tropfen bei den Stammtischbrüdern revanchieren, die nach einem ersten Schluck feststellen mussten, daß Kohl sie (wenn auch unwissentlich) ebenfalls hereingelegt hatte.

Kohl war seinerzeit so stadtbekannt, dass sogar Postkarten mit seinem Foto verkauft wurden. Eines Tages soll „Singe-Kohl“ am Boxberg tot aufgefunden worden sein.

Söse („Seese“)
Eines der witzigsten und schlagfertigsten Gothaer Urgesteine soll der Kurzwarenhändler Carl Söse, der Ende des 19. Jahrhunderts lebte, gewesen sein. Obwohl Söse Am Berg 30 zwei Häuser besaß, zog er täglich mit einem Tragbrettchen oder dem Handwagen auf dem Markt umher, um seine Waren feilzubieten. Wenn der Ruf „Seese kommd!“ erklang, lief immer eine Menge Leute zusammen, die sich von Söse eine amüsante Unterhaltung beim Anpreisen und Verkaufen seiner Waren versprach. Wenn der von ihm vorgeschlagene Preis für seine Artikel bei einem Kunden nicht ankam, fragte Söse lauernd: „Was dachdn sen? Biedn se emol!“ Kam dann ein Angebot völlig unter dem eigentlichen Wert, erwiderte Söse entrüstet: „Mer denkds, spricht Seese!“ oder: „Das sen de annern!“ Handelte der Kunde weiter, so kommentierte Söse jedes Gebot so lange mit den Worten: „S läbberd sech nech!“, bis ein für ihn akzeptabler Preis erzielt war.

Das Streichhölzchen
Aufgrund seiner langen, hageren Gestalt hatte der Scherenschleifer August Grimm, der in der Brückenstraße 2 beim „Wasserbäcker“ (siehe Spottnamen) wohnte, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts seinen Spitznamen bekommen. Täglich fuhr er mit seinem Fahrrad mit Schleifbock durch Gotha, um Messer und Scheren für die Leute zu schleifen. Wechselte er den Standort, nahm er den Treibriemen vom Schwungrad, legte den Schleifbock waagerecht und fuhr auf dem Antriebsrad davon.

Der taubstumme Wachtelborn
August von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772–1822), als zuweilen kapriziöser und seltsamer Herzog in die Gothaer Geschichte eingegangen, ließ sich einmal von dem goth'schen Original Wachtelborn (Vorname unbekannt) vertreten. Bei diesem handelte es sich um einen Taubstummen, der sein Leben wohl mehr schlecht als recht fristete. Dennoch war in der Stadt dafür bekannt, stets zu einem Spaß aufgelegt zu sein. Einst war der Herzog bei einer vornehmen Dame zu Besuch angemeldet. Ob aus Unlust oder Scherz: Herzog August setzte an diesem Tag den taubstummen Wachtelborn in seine prächtige Kutsche und ließ diese vorfahren. Bei der Dame angekommen, die sich in große Toilette geworfen hatte und erwartungsvoll den Schlag der Kutsche öffnete, entstieg ihr der vergnüglich grinsende Wachtelborn in seinem üblichen heruntergekommenen Aufzug.

Die tolle Marie
„Und da nahm ich meine Flinte, und da zog ich mit ins Feld ...“, war eines der selbstgedichteten Lieder der tollen Marie. Sie war eine Marketenderin, die sich rühmte, alle Schlachten der Befreiungskriege gegen Napoleon miterlebt zu haben. Noch etwa 1850, mit über 70 Jahren, zog sie jeden Abend nach der Arbeit auf dem Markt von Gotha nach Siebleben, wo sie wohnte. Dabei sang sie mit ihrer tiefen, männlichen Baßstimme Kriegslieder des Dichters Theodor Körner und selbstverfasste Strophen. Stets war sie gut gekleidet, niemals bettelte sie oder nahm Geld für ihre Sangeskünste. Wenn der Ruf: „Jetz kommd de dolle Marie“ erscholl, lief immer eine große Kinderschar zusammen, um ihr begeistert zuzuhören.

Türmer Häferer
Der „allerhöchst gestellte Beamte der Stadt“ zu sein, konnte sich Ernst Häferer rühmen. Bis zur Jahrhundertwende wohnte der Schuster und Topfflicker als Türmer mit seiner Frau und fünf Kindern in dem kleinen Turmzimmer der Margarethenkirche am Neumarkt. Eine beschwerliche Arbeit: Alle Viertelstunde hatte Häferer „Feuerschau“ über die Stadt zu halten und im Falle eines Brandes die Feuerglocke zu stürmen, wobei er die rote Feuerfahne (nachts eine rote Laterne) in die Richtung des Brandes ausstreckte.

Bei nur 80 Pfennig Tageslohn, wovon noch Heizung und Licht bezahlt wurden, musste Häferer alles Brennmaterial und Wasser von der Pfarrwohnung aus die 206 Stufen des Turmaufganges in seine Wohnung hinauftragen oder über einen kleinen Flaschenzug hinaufziehen Seine Arbeit wurde eingestellt, als die Stadt im Jahre 1900 ein neues Alarmsystem mit fünf öffentlichen und 23 privaten telefonischen Feuermeldestellen und entsprechenden Hinweisen auf allen Postbriefkästen in Betrieb nahm. Ernst Häferer, der letzte Türmer der Stadt, lebte bis zu seinem Tode 1924 in der Mönchelstraße 38.

Die Walther („de Waldern“)
In den 1930er-Jahren gehörte die Obst- und Gemüsefrau Walther (Vorname unbekannt) aus der Gretengasse 34 zu den bekanntesten Marktfrauen der Stadt, die damals meist für ihre Schlagfertigkeit und lockeren Sprüche bekannt waren. Der Hobbymaler P. Collmar verewigte sie 1933 auf einem Bild, welches sich heute im Museum für Regionalgeschichte und Volkskunde auf Schloss Friedenstein befindet.

Zilla Pappschlump
Noch heute ist in Gotha für nachlässig gekleidete Leute die alte Redensart „Du läufsd je rom wie Zilla Babbschlumb“ in Gebrauch. Die als „Zilla mit den Pappschuhen“ Verspottete hieß eigentlich Anna Berghaus und hatte ihren Spitznamen von ihren Schuhen, die so ausgetreten waren, daß sie fast auseinanderfielen. Fräulein Berghaus, die um 1910 am Schloßberg 10 und später im Pflegeheim Mariengasse 7 lebte, ging oft im feinen Mantel mit Fuchspelz ins Landestheater und hatte sehr konservative Moralvorstellungen. Die damals aufkommenden kürzeren Damenkleider und hellen Strümpfe waren für sie „einfach schamlos“, ein Spruch, der bald in ganz Gotha bekannt war.

Zorbel
Der „Zorbel“ genannte Gastwirt Rudolf Köllner war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgrund seiner Schlagfertigkeit und mancher Anekdote, die sich um ihn rankte, bekannt und beliebt. Hatte er zuerst die Gaststätte „Zum König Sahl“ im Brühl 7 geführt, so übernahm er später die Restauration „Sächsischer Hof“ am Neumarkt 14. Zorbel scheute auch die Obrigkeit nicht und soll so manchen Mißstand in der Stadt deutlich kritisiert haben. Mancher, der vor Gericht geladen war, holte sich darum vorab bei ihm guten Rat. Ein Richter, der bei der Argumentation eines Angeklagten Zorbels Worte zu hören glaubte, fragte einst: „Sie waren wohl erst bei Zorbel?“ Am 22. Mai 1895 starb Rudolf Köllner nach längerem Leiden, wie das „Gothaische Tageblatt“ in einem Nachruf berichtete.

 


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