Goth’sche Redensarten und Spruchweisheiten

 

 

Einige Redensarten, welche die Goth'schen in typischen Situationen gebrauchen, mögen auf Außenstehende etwas seltsam oder gar unsinnig wirken. Doch wenn zum Beispiel davon die Rede ist, dass jemand herumlaufe „wie Zilla Babbschlumb“ (links), oder erbost gefragt wird, ob das Gegenüber glaube, man komme „off dar Worschdsubbm dahergeschwomm“ (rechts), so sind dies durchaus treffende und zumeist humorvolle Umschreibungen für bestimmte Situationen des Alltags.

 

Redensarten gehören zur Volkspoesie wie Sprichwörter, Märchen, Sagen und Legenden. Ihr Ursprung liegt im Dunkeln – irgendwer hat sie irgendwann geprägt. Zumeist mündlich wurden sie seit langer Zeit weitergegeben und sind so allmählich Allgemeingut geworden. Sie geben guten Rat, sie drohen oder mahnen, dienen manchmal einfach nur dem Scherz oder Schimpf oder auch dem spielerischen Umgang mit der Sprache.

Redensarten treten in vielerlei Gestalt auf: Oft sind sie sehr bildhaft, vielfach auch derb und drastisch, manchmal ernst und hintersinnig, zumeist ungeschminkt, aber humorvoll. Allen gemeinsam ist, dass sie ein Abbild des menschlichen Lebens bieten – spiegeln sich in ihnen doch alltägliche Erfahrungen und die Weisheit des einfachen Volkes wider. Doch gerade die mundartlichen, oft nur in einem kleinen regionalen Umfeld bekannten und verwendeten Redensarten geben Außenstehenden oft Rätsel auf, denn die Bedeutung des Gesagten bleibt ihnen unklar.

 

Hier sei eine kleine, vom Gothaer Zeichner Kai Kretzschmar illustrierte Auswahl alltäglicher Situationen gegeben, auf die so mancher echte goth’sche Lappenhöger mit einem dieser zuweilen recht seltsam anmutenden Aussprüche reagiert. Für „Biegeschwemmde“ (Nicht-Goth’sche) wird unter dem Symbol erklärt, was der Sprecher mit dem entsprechenden Satz eigentlich ausdrücken will. Wirklich „echt goth’sch“, das heißt, ausschließlich auf die Stadt Gotha beschränkt, sind nur wenige der Redensarten und Sprüche. Der Großteil von ihnen ist vor allem auch im näheren ländlichen Raum, wenn nicht sogar in ganz Thüringen bekannt.


 

 

Wenn sich jemand versehentlich geschnitten hat, bekommt er meist sehr schadenfroh zu hören:

Däbbschdes Fleisch muss wech.
Täppisches Fleisch muss weg.

Tja, selbst dran schuld. Dummheit muss eben bestraft werden.

 

 

Wenn ein kleines Kind ungezogen war, drohte man ihm einst scherzhaft als Strafe an:

Da gehsde heude Ahmd barbs ins Bedd!
Da gehst du heute abend barfuß ins Bett!

Wenn du jetzt nicht machst, was ich sage, gibt es Ärger!

 

 

Wenn jemand sehr nachlässig gekleidet umherläuft, fragt man belustigt-spöttisch:

Bisdn du heude angehosd? Rennsd je rom wie Zilla Babbschlumb!

Wie bist denn du heute angezogen? Du läufst ja umher wie Zilla Pappschlump*.

Meinst du nicht, dass das vielleicht ein wenig zu schlampig aussieht?
* bis in die 1930er-Jahre bekanntes goth'sches Original

 

  Wenn jemand vorgibt, keine Zeit zu haben und deshalb schnell weiter will, fragt man ironisch:
Hasdän heude noch for Iechl ze bürschdn?
Was hast du denn heute noch für Igel zu bürsten?
Was hast du denn schon so Großartiges zu tun?

 

 

Wenn jemand bei einer riskanten Sache zögert und sich nicht recht traut, sagt man forsch:
Wer nüschd waachd, kommd nech nach Donne!

Wer nichts wagt, kommt nicht nach Tonna*!
Mach schon, da ist doch gar nichts dabei.

* gemeint ist das ehemalige Zuchthaus (heute Justizvollzugsanstalt) in Gräfentonna

 

  Wenn sich jemand nicht recht für ein Essen entscheiden kann und an allem Angebotenen herummäkelt, sagt man derb und direkt:
Dann frissde ehm Arschlöcher! / Dann frissde Hundsforzn, die sen nech su zarkratzd wie Katznforzn!
Dann frisst du eben Arschlöcher! / Dann frisst du Hundefurze, die sind nicht so zerkratzt wie Katzenfurze!
Sieh selbst zu, wie du zu deinem Essen kommst.

 

  Wenn jemand von einem anderen stets genervt und beschwatzt wurde, so klagte der Betroffene:
Ar gehd mech eimfach nech von dar Abhängn.
Er geht mir einfach nicht von der Abhänge*.
Der geht mir vielleicht auf den Geist.

* separat aufklappbarer (und abhängbarer) oberer Teil der früher meist zweigeteilten Haustür; auf den unteren Teil gestützt, ließ sich bequem ein Schwätzchen halten

 

  Wenn ein Kind einen Mann nur mit „der“ und eine Frau nur mit „die“ bezeichnet, obwohl es die Namen kennt, ermahnt man es:
Der* is Waachnschmiere! Die is Schuhwichse!
Teer* ist Wagenschmiere! Die ist Schuhwichse!
Man spricht die Leute mit ihrem Namen an, merk dir das!

* Wortspiel mit der / Teer

 

  Wenn jemand vorgibt, nicht zu wissen wo eine gesuchte Sache ist (und es sehr wohl weiß), bekommt er die sarkastische Frage zu hören:
Das had dann wo dar Ratz gefressn, jerr?
Das hat dann wohl der Ratz* gefressen, was?
Glaube ja nicht, dass ich dir das abnehme, dass du davon keine Ahnung hast.

* Ratte / Marder

 

  Wenn kleine Kinder nicht folgen wollten, drohte ihnen die Mutter einst scherzhaft:
Wennde nech glei ardich bisd, kommsde in de Schwarze Küchn!
Wenn du nicht gleich artig bist, kommst du in die Schwarze Küche*!
Wenn du nicht hören willst gibt es Ärger!

* ehemaliges kleines Kellerverlies am Südeingang des Gothaer Rathauses

 

  Wenn man jemandem eine Wette anbietet, der jedoch grundsätzlich nicht wettet, hört man sehr leicht ein überzeugtes:
Wer wedd will, will beschiss!
Wer wetten will, will bescheißen!
Ich wette niemals, egal um was es auch geht.

 

  Wenn man versucht, jemanden für dumm zu verkaufen, bekommt man leicht die erboste Frage zu hören:
Du denksd wo au ech komm off dar Worschdsubbm dahergeschwomm’?
Du denkst wohl auch, ich komme auf der Wurstsuppe dahergeschwommen?
Für wie blöd hältst du mich eigentlich?

 

  Wenn jemand sorglos in alten, abgetragenen Sachen umherläuft, hält man ihm scherzhaft vor:
Gugg dech doch nurema an – du siehsd je uss wie Schlumb on Laadsch.
Guck dich nur einmal an – du siehst ja aus wie Schlump und Latsch.
Meine Güte, wie kannst du denn nur in solchen Sachen umherlaufen?

 

  Wenn jemand bei einer Sache ewig lange trödelt und nicht fertig wird, fragt man ihn genervt:
Wiän? Wollmen deich Baggn oder freßmen so?
Wie denn nun? Wollen wir den Teig backen oder fressen wir ihn so?
Beeilst du dich jetzt endlich einmal oder wie lange soll ich noch warten?

 

  Wenn sich der Himmel vor einem Gewitter oder Regenschauer stark bewölkt und sehr dunkel wird, meint man:
Jetz werds nachd in Goddern.
Jetzt wird es Nacht in Gottern*.
Gleich wird es aber ein mächtiges Gewitter geben.

* Großengottern, Ort zwischen Bad Langensalza und Mühlhausen

 

  Wenn man fragt, wo sich eine bestimmte Person befindet, bekommt man zuweilen die lockere Antwort:
Die / der is im Waschhuus geblatzd.
Die / der ist im Waschhaus geplatzt.
Woher soll ich das wissen? / Das wüßtest du wohl zu gerne, was?

 

  Wenn man in einem Gespräch mit seiner Meinung exakt die des Gegenübers trifft, so kommt von diesem oft die „tiefsinnige“ Bestätigung:
Das is je das!
Das ist ja das!
Genau das meine ich. / Genau so ist es nämlich.

 

  Wenn jemand von etwas sehr überrascht ist und daher ein etwas dümmliches Gesicht macht, heißt es scherzhaft:
Da hadde aer geglotzd wie Schell-Wensl.
Da hat er aber geglotzt wie Schell-Wenzel*.
Na der hat vielleicht ein selten dummes Gesicht gemacht.

* Schell-Bube beim Skatspiel

 

  Wenn jemand von einer Sache endgültig genug hat oder sie ihm langsam über den Kopf wächst, sagt er entnervt:
Das werd mech jetze erchndwie ze fedd.
Das wird mir jetzt irgendwie zu fett.
Also mir reicht es langsam. / Das wird mir zuviel.

 

  Wenn etwas weggeworfen werden soll und ein anderer fragt was damit geschieht, bekommt er ohne Umschweife die lockere Antwort:
Der Krehdsch dahier gehd iewer de Wibber.
Der Krätsch* hier geht über die Wipper**.
Das werfe ich ganz einfach weg.

* Krempel / Kram
** linker Nebenfluß der Unstrut.

 

  Wenn jemand besonders schmuddelig und schlampig aussieht, urteilt man abfällig:
Ar siehd uss wie enner uss dar Borzlbudn*.
Er sieht aus wie einer aus der Porzel(lan)bude.
Der ist ja völlig heruntergekommen.

* Spottname für die in den 1970er- und 1980er-Jahren von sozial Schwachen bewohnten Gebäude der ehemaligen Gothaer Porzellanfabrik in der Uelleber Straße 71; Wortspiel mit „purzeln“, d.h. unordentlich durcheinanderkullern

 

  Wenn ein Kind oft erst nach Einbruch der Dunkelheit vom Spielen nach Hause kommt, wird es gewarnt:
Dech duhn nochema de Nachd-Rahm fang’.
Dich fangen noch einmal die Nachtraben*.
Du sollst dich doch nicht noch draußen herumtreiben, wenn es dunkel wird.

* sagenhafte Spukgestalten, die im Schwarm auftreten und Kinder entführen

 

  Wenn jemand nicht weiß, was er anziehen soll und einen anderen fragt, so antwortet dieser gänzlich unbekümmert:
De Stadt on de Straßn schleifmer hinderher.
Die Stadt und die Straßen schleifen wir hinterher.
Ach, das ist doch völlig egal.

 

  Wenn jemand sinnlos herumsteht oder vergeblich auf etwas wartet, spottet man derb und schadenfroh:
Da stehde rom wie aale Seiche.
Da steht er herum wie alte Seiche*.
Völlig sinnlos, dass er da wartet.

* derb für Urin

 

  Wenn man jemandem einen Gefallen tun möchte, dieser jedoch abgelehnt wird, erklärt man beleidigt und sehr grob:
Da leggsde (mech) ehm fedd.
Da leckst du (mich) eben Fett.
Rutsch mir doch den Buckel runter. / Mach deinen Dreck alleine.

 

 

Wenn neugierige Kinder fragen, was es zum Essen geben wird, erhalten sie die geheimnisvolle Auskunft:

Inngeweggde Kellerstufn, Kabern mid Schwänsn on Klöße mid Stieln.
Eingeweckte Kellerstufen, Kapern mit Schwänzen und Klöße mit Stielen.
Das würdest du wohl nur zu gerne wissen, was?

 

 

Wenn irgendwo sehr viele Leute sind und großes Gedränge herrscht, hört man oft ein leicht genervtes:
Dahier is je e Bedrieb wie (Freidaachnammidaach) in dar Marchdstraßn / Erforder Straßn.
Hier ist ja ein Betrieb wie (Freitagnachmittag) in der Marktstraße* / Erfurter Straße**.
Na hier ist ja vielleicht was los.


* Einkaufsstraße zwischen Haupt- und Neumarkt
** Einkaufsstraße zwischen Neumarkt und Arnoldiplatz

 

 

Wenn jemand vor allem mit großem Mund bei einer Sache vorneweg ist, aber eigentlich nichts kann, so heißt es von ihm:

Gugg nur, da isser Meisder Matz!
Guck nur, da ist er Meister Matz!
Ja, da hat er jetzt die große Klappe!

 

 

Wenn die Rede auf die Stadt Eisenach kommt, fällt einem Goth’schen garantiert dieses Wortspiel ein:

In Iesenach da kamme alles gemach – da kamme gedans on gesing on gefief on gelach.
In Eisenach da kann man alles machen – da kann man tanzen und singen und pfeifen und lachen.
Einfach ein harmloser Spottvers auf die Nachbarn aus der Wartburgstadt.

 

  Wenn neugierige Kinder hartnäckig nach dem Verbleib einer Sache fragen, bekommen sie oft scherzhaft zur Antwort:
Das hadder Ratz gefressn.
Das hat der Ratz* gefressen.
Das ist eben weg – und du bist viel zu neugierig.

* Ratte / Marder

 

 

Wenn man eine Tatsache im Sinne von „unglaublich / wie verrückt“ bekräftigen will, tut man dies mit dem Zusatz: ... wie Hubbatz*!
Dahier stinkds wie Hubbatz! Hier siehds je uss wie Hubbatz! Das Zeuch klebd je wie Hubbatz!
Hier stinkt es ja unglaublich! Hier sieht es ja unglaublich aus! Das Zeug klebt ja wie verrückt!

 

* von nsorb. „wupac“ (Wiedehopf); die ursprüngliche Bedeutung war auf stinken beschränkt

 

 

Wenn irgendwo dichter Nebel herrscht, fällt einem echten Labbmhööcher garantiert das folgende Palindrom* ein:
Newel bie Sieblehm.

Nebel bei Siebleben. / .nebelbeis ieb lebeN

 

* vorwärts wie rückwärts zu lesende Worte bzw. Sätze, in diesem Falle angeblich von Johann Wolfgang von Goethe anlässlich eines Gotha-Besuches geprägt

 

 

Wenn Eltern ihre Kinder von einem bestimmten Ort fernhalten oder sie ganz einfach zu bravem Verhalten auffordern wollten, drohten sie:
Sonsd hold dech dar Mummlratz!
Sonst holt dich der Mummelratz*!
Du machst, was ich sage, sonst ...!

 

* fiktive Schreckgestalt, als schwarz vermummter (goth'sch: eingemummelter) Mann beschrieben, der Kinder entführt

 

  Wenn jemand einen völlig unannehmbaren Vorschlag macht, antwortet man erbost:
E aldn Arsch! / E aldn Arsch unne baar Börn'!
Einen alten Arsch! / Einen alten Arsch und ein paar Birnen!
Das denkst du! / Das kannst du dir abschminken!

 

 

Wenn jemand fragt, wie das Wetter wird, bekommt er schon gerne einmal die gereimte und garantiert immer richtige Auskunft:
S kann gereechn, s kann geschnie, s kann au schiänes Wedder gesie.

Es kann regnen, es kann schnei’n, es kann auch schönes Wetter sein.

 

 

Wenn ein geplante Sache völlig misslingt und man nicht weiß, wie es weitergeht, stellt man ratlos fest:

Jetz sitzmer off dar Hefe.

Jetzt sitzen wir auf der Hefe.

Jetzt sind wir angeschmiert.

 

 

Wenn einem eine Sache nicht recht geheuer ist und man lieber etwas Abstand hält, sagt man vorsichtig:

Liewer wiesawie wie dichd darbie!

Lieber vis-à-vis (gegenüber) als dicht dabei!*

Mir ist es lieber, das Ganze erst einmal aus der Ferne zu betrachten.

 

 * die in diesem Satz zusammengefasste skeptische Grundhaltung nicht nur der Goth'schen, sondern der Thüringer allgemein kann man sehr gut bei Umzügen (Fasching, Stadtfest etc.) beobachten: Viele Zuschauer stehen mit verschränkten Armen am Straßenrand und betrachten das Spektakel mit einer hochgezogenen Augenbraue. Erst mal gucken, dann in aller Ruhe entscheiden, ob man das Ganze gut findet und vielleicht sogar Spaß daran hat ...

 

  Wenn jemand vor einer Veranstaltung, einem Familientreffen etc. fragt, was er dort machen soll, bekommt er gern den launigen Rat:
E dummes Gesichd / (un) e gudn Eindrugg!
Ein dummes Gesicht / (und) einen guten Eindruck!
Keine Ahnung, das wird sich schon irgendwie ergeben.

 

 

Ein seit langem bekannter Spottvers der Lappenhöger auf das heimische Bier:

Goodsches Bier is unarreichd: Zweie weern gedrungkn un viere geseichd.

Gothaer Bier ist unerreicht: Zwei werden getrunken und vier (wieder) ausgepinkelt.

 

 

Eine amüsante Kurzbeschreibung der Stadt in Reimform:

Zwei Dürme, ein Schlood* – das is Godh'.

Zwei Türme (und) ein Schlot – das ist Goth(a).**

 

* gemeint sind die weithin sichtbaren Türme des Friedensteins sowie der um 1975 errichtete und 1996 gesprengte Schlot des Heizkraftwerkes Gotha Ost

** der Spruch ist entlehnt aus dem von Herbert Frank in Tammicher Mundart verfassten Gedicht "Uff d'n Büchebarg", wo es heißt: "... de Törm dort und d'r Schlot / das es Gooth!" [die Türme dort und der Schlot / das ist Goth(a)]

 

   

Scherzhafte und nicht ganz von der Hand zu weisende Einsicht der Goth'schen:

Gohde is e Dorf mid Straßnbahn.

Gotha ist ein Dorf mit Straßenbahn.

 


 

Noch mehr echt gothsche Redensarten und dazu passende Illustrationen finden Sie im „Kleinen gothschen Schimpfwörterbuch“. Falls Sie in dieser Liste noch die eine oder andere goth'sche Redensart vermissen, teilen Sie sie uns doch bitte mit. Den Kontakt zu uns finden Sie hier.

 

 

 

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